1308 Pfeifen wurden „durchgepustet“
Orgelbaumeister Bartelt Immer aus Norden hat im Auftrag des Bauvereins Neue Kirche die Schuke-Orgel aus dem Jahr 1958 saniert
Emden. Die Orgel der Neuen Kirche in Emden ist in den letzten zwei Monaten grundsätzlich gereinigt worden. Und die Orgelbauer Bartelt Immer (Norden) und Ulfert Dochhorn (Aurich) haben jede Menge Staub aus dem Instrument, das der Berliner Orgelbauer Karl Schuke 1958 baute, herausgeholt. „Sie war wirklich ordentlich verdreckt“, sagt Immer mit schöner Offenheit und erinnert sich, dass die letzte Grundreinigung 1985 erfolgt ist.
Zum Stimmen der großen Prospektpfeifen muss Orgelbaumeister Bartelt Immer hoch hinauf auf die Schuke-Orgel von 1958
Aber nicht allein die Pfeifen hatten Staub angesetzt, auch der Spieltisch bedurfte einer Überarbeitung. Die Orgelbauer entfernten alle Tasten, reinigten sie und setzten sie wieder ein. Zudem wurden die 21 Register neu mit Zahlenschildern ausgestattet, die es dem Registranten bei Konzerten erleichtern, die richtigen Klangfarben zu aktivieren. Zuvor waren hier die Zahlen mit einem Kugelschreiber provisorisch notiert worden. An den Wangen des Spieltisches wurde das Furnier erneuert. Außerdem gibt es nun eine höhenverstellbare Bank für den Organisten. „Eiche massiv“, merkt Ulfert Dochhorn an.
Dicht gedrängt stehen die Pfeifen in der Schuke-Orgel. Zum Stimmen mit dem Stimmhorn braucht es Geschick
Die Schuke-Orgel verfügt über 1308 Metallpfeifen. Jede einzelne wurde entfernt und mittels eines Kompressors gesäubert. Teilweise brauchte es vier Mann, um die bis zu 80 Kilo schweren Pfeifen aus ihrer Haltung zu heben. Insbesondere die größten beiden Pfeifen, beides Prinzipale 16 Fuß, waren mit ihrer Länge von gut fünf Metern eine echte Herausforderung, berichtet Dochhorn. Immerhin sei die Orgelempore sehr groß, was den Arbeiten zugutegekommen sei. „Hätten wir jede einzelne Pfeife auch noch in den Kirchenraum hinuntertragen müssen, wäre es deutlich schwieriger geworden.“ Derzeit laufen noch kleinere Abschlussarbeiten. Schon jetzt ist das Instrument wieder spielbar, aber eine sogenannte Feinstimmung ist noch erforderlich. Dazu muss sich die Orgel aber erst einmal „setzen“, um die Renovierung zu „verarbeiten“.
Ständiges Instrument des Orgelbauers: das Stimmhorn
Das Instrument ist in allen Teilen original erhalten, erläutert Bartelt Immer. Es stehe für eine Phase, in der die Zeit der romantischen Orgeln mit einem eher dunklen Klangbild zu Ende ging und man den neobarocken Orgeln mit ihren schnarrenden Zungenstimmen den Vorzug gab. Die Emder Schuke-Orgel wurde bestellt, als Rolf Hallensleben Organist an der Neuen Kirche war. Er war mit Karl Schuke bekannt, wohl weil er selber in der Hauptstadt studiert und gearbeitet hatte. Schuke kam damals selber nach Emden, um die neue Orgel zu intonieren. Dabei gab er ihr nicht den Kammerton, der bei 440 Hertz liegt, sondern wählte eine Stimmtonhöhe von 436 Hertz. Es ist nicht bekannt, warum er so handelte. Aber diese Wahl hatte Folgen. Denn es ist nicht möglich, dass die Orgel mit Trompeten oder Posaunen zusammen spielt. „Das passt nicht zusammen.“
Arbeiten in der Neuen Kirche Hand in Hand: Ulfert Dochholrn und Bartelt Immer
Die Orgel der Neuen Kirche zeichnet sich durch ihre zwölf größten Pfeifen im Prospekt aus, die aus Kupfer bestehen und durch Oxidation in den verschiedensten Farben schillern. Diese Pfeifen sollten 2000 durch solche aus Zinn ersetzt werden. „Das ist dann aber von der Gemeinde verhindert worden“, sagt Immer und zeigt sich darüber erleichtert. „Wäre das geschehen, hätten wir eben kein Original mehr.“
Neu in der Neuen Kirche: eine höhenverstellbare Orgelbank aus massiver Eiche
Und dann präsentiert der Norder Orgelbaumeister einen besonderen Schatz, den er schon vor 15 Jahren im Spieltisch fand. Es ist ein DIN A4-Zettel, den Rolf Hallensleben, der von 1947 bis 1982 Organist war und „seine“ Schuke-Orgel besonders liebte, geschrieben hatte. Auf dem Papier notierte der Kirchenmusiker mit trockenem Humor eine „Gebrauchsanweisung“ für die Nutzung der Orgel. „Der Zettel war völlig zerfleddert, und ich habe ihn mitgenommen, neu geschrieben, mit einigen zusätzlichen Informationen versehen und gerahmt.“ Dafür hatte Bartelt Immer Gründe. Denn Hallensleben war sein Orgellehrer, und durch dessen Begeisterung für das Instrument und für die Kirchenmusik kam Immer zu seinem Beruf.
Bartelt Immer präsentiert das mittlerweile gerahmte Papier, eine „Gebrauchsanweisung“ für die Nutzung der Orgel, die einst Rolf Hallensleben verfasst hat
Ulfert Dochhorn wiederum ist von Bartelt Immer ausgebildet worden. Sieben Jahre lang arbeitete der heute in Aurich tätige Orgelbauer in der Werkstatt von Immer auf dem Hof Pekelhering in Süderneuland. 2011 machte er sich als Orgel- und Instrumentenbauer selbständig und arbeitet mit Immer zusammen, wann immer zusätzliche Hilfe benötigt wird. Für den Norder Orgelbauer geht es nach Abschluss der Arbeiten in der Neuen Kirche übrigens direkt weiter nach Manslagt, wo die Barockorgel von Hinrich Just Müller auf eine gründliche Sanierung wartet.