Auf den Spuren eines Unbekannten

Dokumentation über einen Rektor der Reformschule Herrentor in Emden, dessen Name aus dem Gedächtnis verschwunden ist und der 1932 unter ungeklärten Umständen ums Leben kam

Kinder der Neutorschule mit Schulleiter Otto Schwier
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Kinder der Neutorschule mit Schulleiter Otto Schwier

Emden. Gabriele Frerichs war bis zu ihrem Ruhestand Lehrerin an der Herrentorschule, und sie wurde zur Chronistin einer Einrichtung, die in den 1920er Jahren als sogenannte Reformschule erbaut wurde. „Schulleiter Uwe Weßel hat diesen Funken in mir entzündet“, sagt die Pädagogin, die fortan systematisch forschte. Wer also etwas über die Schule wissen will – sei es historisch, architektonisch oder pädagogisch – oder wer eine Führung mitmachen möchte, ist bei ihr immer an der richtigen Stelle. Dass sie etwas nicht wissen könnte, das mit der Schule im Zusammenhang steht, ist also unmöglich – eigentlich. 

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Befasste sich intensiv mit Leben und Sterben von Otto Schwier: Gabriele Frerichs

Befasste sich intensiv mit Leben und Sterben von Otto Schwier: Gabriele Frerichs

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Aufgrund ihres umfangreichen Wissens war Gabriele Frerichs eingebunden in die Erarbeitung einer Chronik zum 95-jährigen Bestehen der Schule. So wurde es auch über die Zeitungen veröffentlicht. Und eines Tages erreichten sie zwei digitale Nachrichten. Die eine kam aus Frankfurt von Tessa Engelbrecht, die andere von Jelto Harms aus Uplengen. Die beiden hatten von dem Vorhaben erfahren und hatten dasselbe Anliegen. Sie wollten auf den Schulrektor Otto Schwier aufmerksam machen, der nur rund eineinhalb Jahre an der Herrentorschule tätig war. Die Schulräume beherbergten nach der Eröffnung nämlich zwei eigenständige Grundschulen, die Schule A und die Schule B. Jede hatte einen eigenen Rektor. Warum aber kannte Gabriele Frerichs den Namen nicht? Nachforschungen ergaben, dass die entsprechenden Unterlagen der Schulen, sogenannte Protokollbücher, nicht komplett erhalten waren. Das Protokollbuch der Schule B war im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangen und damit auch der Name des Rektors Otto Schwier.

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„Strahlende Kindergesichter – Otto Schwier muss ein wirklich guter Pädagoge gewesen sein“, kommentiert Gabriele Frerichs diese Aufnahme

„Strahlende Kindergesichter – Otto Schwier muss ein wirklich guter Pädagoge gewesen sein“, kommentiert Gabriele Frerichs diese Aufnahme

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Die beiden Mails hatten die Urenkelin Schwiers und ein Großneffe verschickt und mit der Frage versehen, ob Gabi Frerichs etwas Genaueres über den Vorfahren wisse. Beigefügt waren allerlei Briefe, Dokumente und Fotos, die die Tochter von Otto Schwier aufbewahrt und in der Familie weitervererbt hatte. Gabi Frerichs begann umgehend mit ihren Recherchen und fand tatsächlich in einem alten Lehrerverzeichnis den Namen des Rektors. Die Familie wusste noch, dass es um die Ernennung ihres Vorfahren einigen Wirbel gegeben habe. Streit, der öffentlich ausgetragen wurde. Intensives Studium der Zeitungen ließ dann die Gründe deutlich werden, die zu den teilweise heftigen Auseinandersetzungen führten. Schwier hatte nicht verhindert, dass seine Frau und die beiden Kinder Mitglied der mennonitischen Gemeinde wurden. 

Das brachte insbesondere die Reformierten auf den Plan, die auf einer Sonderregelung aus kaiserlicher Zeit beharrten. Demnach gab es hier immer noch einen Einfluss der Kirche auf die Besetzung schulischer Ämter. Dabei habe sich Pastor Hermann Immer zum Wortführer einer Forderung gemacht, nach der Rektorenstellen konfessionell paritätisch besetzt werden müssten. Schwier war lutherisch, und die Lutheraner hatten demnach zu viele Stellen inne. 

Aber auch eine Gruppierung namens „christlich-unpolitische Elternschaft“ erwies sich als angriffslustig. Sie opponierte nicht nur gegen Otto Schwier, sondern auch gegen den mennonitischen Pastor Abraham Fast und den Regierungspräsidenten Jann Berghaus. In Leserbriefen geht es wochenlang hin und her mit den Argumenten und Vorwürfen – bis die Zeitungen die Diskussion beenden. „Ich war total perplex und ungläubig, so etwas in den Zeitungen zu lesen“, formuliert Gabriele Frerichs diese leidenschaftliche Auseinandersetzung, die sie anhand der Leserriefe nachvollziehen konnte.

Nach den Recherchen von Gabriele Frerichs war Otto Schwier nur eineinhalb Jahre als Rektor der Herrentorschule B im Amt, dann wird er Rektor der Neutorschule, die an der Stelle der heutigen Volkshochschule stand. Neben seiner Arbeit als Pädagoge und Schulleiter ist Schwier seit 1918 politisch in der SPD tätig. Als sich 1924 das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold – ein Bündnis von Sozialdemokraten, Zentrumspartei und Deutscher Demokratischer Partei (DDP) – gründet, ist Schwier dabei und übernimmt die Leitung der Emder Ortsgruppe und des Kreises Ostfriesland Nord. 1931, so hat Gabriele Frerichs herausgefunden, übernahm er auch eine leitende Position in der Eisernen Front, einem Bündnis aus SPD, freien Gewerkschaften, dem Reichsbanner und Arbeitersportverbänden. Doch dann kam noch mehr. „Es wurde immer spannender“, sagt die Pädagogin in der Rückschau. 

Um seinen politischen Verpflichtungen nachkommen zu können, beschafft ihm sein Bruder ein teures und auffälliges Motorrad der Marke Opel Neander.  Mit diesem, so die Recherchen, ist Schwier am 25. Juni 1932 im Landkreis Aurich unterwegs. Kurz hinter Georgsheil, bei der Gaststätte „Finkenburg“ stürzt Schwier aus unbekannten Gründen. Ein Autofahrer transportiert ihn ins Krankenhaus, wo er an seinen Verletzungen stirbt. Schwier ist 48 Jahre alt. 

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Hier etwa ereignete sich der Unfall: Gaststätte „Finkenburg“ (Postkarte aus den 1930er Jahren)

Hier etwa ereignete sich der Unfall: Gaststätte „Finkenburg“ (Postkarte aus den 1930er Jahren)

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Gabriele Frerichs forscht weiter, weil ihr der Unfall, der offenbar keine polizeilichen Nachforschungen nach sich zog, äußerst merkwürdig erscheint. Zumal die politischen Gegebenheiten mit einem Erstarken der NSDAP – vor allem im Landkreis Aurich - einher ging. „Mit Sicherheit ein nicht ungefährliches Terrain für ein politisch aktives SPD-Mitglied“, konstatiert die Autorin. Sie formuliert in ihrer Broschüre eine Fülle von Fragen, die sich nicht mehr beantworten lassen, die aber ihren Verdacht, dass dieser Unfall keineswegs einer war, erhärten. Sie stellt fest, dass seit Gründung des Reichsbanners 1924 bei politischen Auseinandersetzungen 69 Mitglieder erschlagen, erstochen und erschossen wurden. Darunter befinden sich vierzehn Menschen, die zwischen Oktober 1929 und November 1932 im Dienst tödlich verunglücken – so wie Otto Schwier. „Praktisch keiner dieser ,Unfälle‘ hat bis heute aufgeklärt werden können“, resümiert Gabriele Frerichs. 

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Auch Offizielle, Vertreter aus Politik, der Lehrerschaft und der Vereine begleiteten den Trauerzug

Auch Offizielle, Vertreter aus Politik, der Lehrerschaft und der Vereine begleiteten den Trauerzug

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Die Todesnachricht trifft auf große Bestürzung. Eine Vielzahl von Todesanzeigen, die in der Broschüre abgedruckt sind, belegt dies. In Familienbesitz befinden sich auch Fotografien der Beerdigung, die zeigen, dass tausende Menschen dem Verstorbenen das letzte Geleit gaben. Die Trauerfeier fand in der Turnhalle der Herrentorschule statt, die Bestattung erfolgte auf dem Bolardus-Friedhof, wo das Grab noch heute von Tessa Engelbrecht gepflegt wird. Als Gabriele Frerichs die Grabstätte aufsuchte, habe sie „ein seltsames Gefühl bewegt“. Eine Bilderfolge zeigt nicht allein den langen Trauerzug, bei dem der Sarg in einer von Pferden gezogenen Kutsche gefahren wird, sondern auch das Emden der 30er Jahre.

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Der Trauerzug mit der Kutsche durch die Stadt wurde von zahllosen Menschen flankiert.

Der Trauerzug mit der Kutsche durch die Stadt wurde von zahllosen Menschen flankiert.

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Die Trauerfeier, an der auch Gegner Schwiers teilnehmen, weil sie seine pädagogische Arbeit anerkennen, leitet Abraham Fast. Und der merkt an: „Das, was uns im Besonderen erschüttert hat, ist nicht so sehr das Hinscheiden Otto Schwiers an sich, sondern vielmehr das Sinnlose des Unfalls …“ 

Gabriele Frerichs (Jahrgang 1954) ist sicher, dass bezüglich des Unfalls viele Fragen offen bleiben müssen und dass sie das Rätsel letztlich nicht wird lösen können. Doch es ist ihr wichtig, auf diesen Todesfall hinzuweisen, weil sie unmittelbar Belange der Herrentorschule damit berührt sieht. „Eigentlich wollte ich die Arbeit an der Geschichte der Herrentorschule langsam beenden.“ Doch die Hinweise aus der Familie Otto Schwiers hätten sie veranlasst, „das Thema wieder hochzufahren, weil es so spannend ist“. Außerdem habe sie selbst viel über die 30er Jahre lernen können.

Die Pädagogin hat in Oldenburg studiert und dann Politik, Geschichte, Kunst und Deutsch unterrichtet. Fünf Jahre lang war sie auch als Hauswirtschaftslehrerin eingesetzt, weil sie fand, das sei „richtig etwas fürs Leben“. Unterrichtet hat sie an der Früchteburgschule, der Wallschule, der Schule Osterburg, in Hinte und schließlich an der Herrentorschule, mit der sie sich intensiv seit 2005 beschäftigt. Vor einem Jahr konnte sie mit Geldern aus ihren vielfältigen Führungen die Anschubfinanzierung für die Restaurierung der Schuluhr leisten. Wegen der Führungen wird sie auch heute noch immer wieder angesprochen. Meistens sind es Ehemalige, die ihre Schule noch einmal besuchen wollen.   

⏵      Die Dokumentation „Otto Schwier. Ein Opfer seiner Zeit?“ ist für 15 Euro ausschließlich bei Gabriele Frerichs unter der Mailadresse gabi.frerichs@gmail.com zu bekommen

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Wolfgang Mauersberger

(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.