„Ausgesprochen komfortabel!“
Das Emder Jahrbuch 2026 bietet fünf große Aufsätze zu ostfriesischen Themen – und allerhand mehr
Aurich. „Für uns ist das ja ausgesprochen komfortabel“, befindet Dr. Matthias Stenger, Direktor der Ostfriesischen Landschaft. Die Landschaft gehört wie die Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung, 1820dieKUNST, die Johannes a Lasco Bibliothek und das Niedersächsische Landesarchiv in Aurich zu den Herausgebern des einzigen wissenschaftlichen Periodikums Ostfrieslands. Diese fünf Einrichtungen finanzieren das Projekt auch. Die Redaktion – und damit die eigentliche Arbeit - liegt jedoch bei dem Leiter des Landesarchivs, Dr. Michael Hermann, der unterstützt wird von Dr. Heiko Suhr, Leiter der Landschaftsbibliothek.
Die beiden haben gerade den 106. Band fertiggestellt – und der bietet wieder einen Rundumschlag durch verschiedene Thematiken zwischen Heraldik, Stadtgeschichte, Biographie und einen Blick auf Ostfriesland in der NS-Zeit. Dazu gesellen sich Rezensionen von Büchern zur ostfriesischen Geschichte und den Nachbargemeinden. Eine archäologische Fundchronik für Ostfriesland, ein Bericht über Forschungsvorhaben und Veröffentlichungen der Ostfriesischen Landschaft und der Jahresbericht der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer komplettieren das Angebot, das auf 260 Seiten die älteste historisch-landeskundliche Schriftenreihe der Region – erstmals 1872 erschienen – fortsetzt.
Die Herausgeber stellten das neue Jahrbuch in Aurich vor: Dr. Claas Brons, Professor Dr. Kestutis Daugirdas, Dr. Matthias Stenger, Dr. Heiko Suhr, Dr. Klaas-Dieter Voß und Dr. Michael Hermann
Der mehr als 50-seitige Aufsatz von Hanke Immega, Mitarbeiter der Landschaftsbibliothek, beschäftigt sich mit der „Entwicklung der Helmzierden des ostfriesischen Grafen- und Fürstenwappens“. Die Helmzier ist der oberste Teil eines Wappens, und dieser hat sich im Laufe der 280-jährigen Herrscherzeit der Cirksena mehrfach geändert. Illustriert wird der Text durch 64 Farbfotos, die das Verständnis erleichtert.
Nach Emden führt der zweite Aufsatz, in dem sich der wissenschaftliche Mitarbeiter des Ostfriesischen Landesmuseums, Aiko Schmidt, einem städtebaulichen Thema zuwendet. Es geht dabei um einen Stadtplan von 1616 des Nicolaes Geelkerken, der im Nordosten der Stadt breite Wasserläufe ausweist, die es aber – so das Ergebnis der Untersuchungen Schmidts – in dieser Form nie gegeben hat.
Die nächsten beiden Aufsätze haben Themen zum Inhalt, die in die NS-Zeit führen. Michael Hermann hat sich mit dem Borkumer NS-Bürgermeister Ernst Hunze beschäftigt, eine, wie er feststellt, „schillernde Persönlichkeit“, die in der Nazi-Zeit Karriere machte, aber nach dem Krieg scheiterte, als er versuchte Kurdirektor auf Borkum zu werden.
Dr. Paul Weßels, ehemaliger Leiter der Landschaftsbibliothek, thematisiert ein Todesurteil an einem ostfriesischen und zwei weiteren Matrosen unmittelbar nach der Kapitulation. Sie wurden wegen Fahnenflucht angeklagt und einen Tag später, am 10. Mai 1945, exekutiert. Weßels gehe nicht nur auf das in der Region weitgehend unbekannte Schicksal des 22-jährigen Ostfriesen ein, sondern er untersuche auch die juristische Aufarbeitung nach 1945, bei der die Beteiligten an dem Militärgerichtsverfahren 1953 letztendlich freigesprochen wurden, erläuterte Michael Hermann.
Der fünfte Beitrag stammt von dem Leiter der Landschaftsbibliothek, Dr. Heiko Suhr. Er stieß auf das Tagebuch des 2011 verstorbenen Pädagogen, Musikers und Regionalhistorikers Karl-Heinz Wiechers (geboren 1928). Die Aufzeichnungen umfassen die Jahre 1945 bis 1947 und geben Einblick in das Leben eines 17-Jährigen, der sich intensiv mit Musik beschäftigt und nach Bildung strebt.
Eine Miszelle, die ins 16. / 17. Jahrhundert führt, steuert Paul Weßels bei. Im „Calendarium Historicum“ des David Fabricius taucht mehrfach der Name des Jacob Sartorius (ca. 1555 bis 1623) auf, der als Pastor von Dornum Erwähnung findet. Der Theologe, so stellte Weßels fest, habe mehrfach die Konfession gewechselt, um sich verschiedenen Herrschern anzudienen, und sich dabei mehrfach „zwischen allen konfessionellen und politischen Stühlen“ befunden.
Unter den neun Buchbesprechungen befindet sich eine von Dr. Klaas-Dieter Voß. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden rezensiert einen Aufsatzband über „Die Suche nach Graf Adolf von Nassau und die gräfliche Grablege in Oldenburg“. Ausgangspunkt war die von dem Groninger Historiker Lammert Doedens angestoßene These, der Graf sei in Oldenburg bestattet worden.
▶ Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands 2026, Band 106, 260 Seiten, 92 meist farbige Abbildungen. Das Buch kostet 30 Euro. ISSN 1434-4351
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events
In diesem Beitrag erwähnt
Ostfriesische Landschaft
Kultur, Wissenschaft und Bildung
1820dieKUNST
Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer seit 1820