Die Module auf dem Dach werden ziegelrot
In Jennelt wird die erste klimaneutrale Kirche in Ostfriesland eingerichtet
Jennelt. Mit einem Kostenaufwand von rund 300 000 Euro wird die Kirche von Jennelt derzeit saniert. Das Ziel: sie soll klimaneutral werden und damit den Maßgaben der Evangelisch-reformierten Kirche genügen. Um dahin zu kommen, wird derzeit das Dach neu gedeckt und dann an der Südseite mit 24 Solarmodulen belegt. Das besondere: die technischen Elemente werden ziegelrot sein und damit den Anforderungen des Denkmalschutzes genügen.
Pastor Siek Postma vor seiner Kirche, deren Dach derzeit für die Aufnahme von Solarmodulenvorbereitet wird
Pastor Siek Postma hätte nicht gedacht, dass er – ein Jahr vor seinem Eintritt in den Ruhestand – noch einmal mit einem Bauprojekt zu tun haben würde. Doch hatte er in der Gemeinde kraftvolle Unterstützung. Otto Damaske habe sich für das Projekt tatkräftig stark gemacht, berichtet Postma im Gespräch mit KultinO. „Solche Menschen braucht man in einer Gemeinde, und kann sich glücklich schätzen, wenn man sie hat.“
Dass es überhaupt soweit kommen konnte, dieses Projekt anzugehen, hatte handfeste Gründe. Denn obwohl das Dach vor einigen Jahren schon einmal gedämmt und gesichert worden war, kam es immer wieder zu kleineren Wassereinbrüchen. Zudem klafften in der Wand zwischen Kirchenraum und Chor dicke Risse, ebenso im Bereich der Apsis. Diese Schäden mussten zunächst behoben, zudem ein statisches Gutachten erstellt werden, ehe nun die Dachdecker aufsteigen und mit den Arbeiten beginnen konnten. Dabei werden die Ziegel reihenweise abgenommen und die jeweils frei gewordene Dachfläche mit Holz abgedichtet, darauf kommt eine Folie, ehe dann die Lattung installiert wird; sie wird die neuen Ziegel, die im „historischen Stil“ ausfallen werden, tragen. „Somit bietet das Dach eine stabile Fläche, um die Module aufzunehmen“, sagt Siek Postma, der davon ausgeht, dass die Arbeiten bis zum Oktober weitgehend abgeschlossen sind.
Durch eine Luke im Dach können die Mitarbeiter der Firma Winterland auch vom Dachboden aus an ihre Arbeitsstelle gelangen
Die Geschichte der Sanierung des Gebäudes begann bereits 2002. Damals wurde der freistehende Glockenturm der Jennelter Kirche in Ordnung gebracht. Der mit der Bauplanung beauftragte Architekt Einar Tonndorf habe dabei auch das Kirchengebäude im Blick gehabt und befunden, dass man sich das Dach näher ansehen sollte, erinnert sich Siek Postma. Doch erst jetzt wurde gehandelt, weil die Schäden deutlicher hervortraten und zudem die Evangelisch-reformierte Landeskirche das Gebäude aufgrund ihrer Mehrfachnutzung als „zukunftsträchtig“ einstuft. Es dient nämlich nicht nur als Kirchenraum, sondern auch als Unterrichtsstätte für Konfirmanden. Hier treffen sich Frauen- und Gitarrenkreis. Hier finden Konzerte, aber auch Friedensgebet und Kindergottesdienst statt. Die Kirche dient als Zentrum bei Festen, wie dem Osterbrunch, bei dem die Gemeinde nach dem Gottesdienst zum gemeinsamen Essen zusammenkommt.
Im Innern des Chorraumes wurden die Risse in den Wänden inzwischen geschlossen. Die beiden Haken unter der Decke dienten ursprünglich wohl als Aufhängung für sogenannte Totenschilde, vermutet Pastor Postma
Die Kirche stammt aus einer Zeit, die man Romano-Gotik nennt. Äußerlich trägt sie Zeichen der Gotik, die um einen „Kern“ aus der Romanik gebaut wurde. Die Einraum-Kirche stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, der Chor wurde erst 1604 angebaut, als Jennelt an die Familie Innhausen und Knyphausen fiel. Deren bedeutendster Vertreter, der Feldherr Dodo zu Inn- und Knyphausen (1583 bis 1636), verfolgte mit dem Anbau, der bis heute von außen zu erkennen ist, die Absicht, darunter eine Grablege für die Familie zu errichten. Die ist bis heute vorhanden, aber derzeit wegen der Bauarbeiten nicht zugänglich.
Der Durchgang zwischen Einraum-Kirche und Chor war bisher durch einen massiven Holzbalken abgestützt. Jetzt wurde zusätzlich ein Stahlträger eingezogen
Im Innenraum sind jetzt zunächst die Maler gefragt, dann soll es eine große Putzaktion geben, ehe die Gemeinde zum nächsten Konzert einlädt. Das findet am 2. Oktober um 19 Uhr statt und bringt einen bekannten Sänger in das Krummhörn-Dorf. Klaus Mertens (Bass-Bariton) gestaltet unter dem Titel „Willst du dein Herz mir schenken“ einen „Abend bei Bach zu Hause“. Begleitet wird er von dem Norder Reinhard Böhlen an Cembalo und Orgel. Mertens gilt weltweit als der einzige Sänger, der sämtliche Bass-Partien in den Kantaten Bachs in einer Gesamteinspielung aufgenommen hat. Bis es mit dem Konzert soweit ist, wird auch die Constabel-Orgel von 1738 aus ihrer Umhausung befreit sein. Die Nutzung der Kirche ist möglich, auch wenn die Arbeiten am Dach noch nicht abgeschlossen sind.
▶ Karten für das Konzert: 15 Euro. Reservierung: Tel. 0 49 26 / 9 09 53 62 oder an der Abendkasse. Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren zahlen keinen Eintritt
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events