Ein Buch als Initialzündung
Im Rahmen einer Vortragsreihe mit dem Titel „Das Lebensbuch“ sprach Landschaftspräsident Rico Mecklenburg über ein bildungspolitisches Werk, das für ihn prägend wurde
Emden. Neun Jahre Hauptschule – damit startete Rico Mecklenburg in sein Berufsleben. Neun Jahre waren zu dem Zeitpunkt eine Neuerung, erläuterte er selber in einem Vortrag vor der Naturforschenden Gesellschaft zu Emden von 1814. Bisher gab es acht verpflichtende Schuljahre, die zum Hauptschulabschluss führten. „Ich gehörte damals zu den ersten, die die 9. Klasse durchliefen – und dieses letzte Jahr hat mir den entscheidenden Schub gegeben.“
In diesem Jahr, 1964, kam ein Buch heraus, das für die Biographie Mecklenburgs wichtig werden sollte, obwohl er es erst wesentlich später für sich entdecken sollte: „Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation“ von Georg Picht (1913 bis 1982). Der Philosoph, Theologe und Pädagoge sah in Deutschland einen gefährlichen Bildungsnotstand. Die von ihm benannten Mängel: krasses Bildungsgefälle, Kinder aus der Arbeiterschaft würden bildungsmäßig vernachlässigt, das Bildungsangebot sei insgesamt nicht ausreichend. Picht prognostizierte dadurch Nachteile des Landes im internationalen Umfeld und Gefährdung der Demokratie.
Hatte auch Daten und Zahlen über die Bildungssituation in Ostfriesland hinzugezogen: Referent Rico Mecklenburg
Mecklenburg steckte also gerade mittendrin in einer bildungspolitischen Misere, die schon die Berufswahl heikel werden ließ. „Denn Hilfen bei der Berufsorientierung gab es nicht.“ Also sah er sich an der Arbeitsstelle der Mutter bei der AEG um – und wurde Dreher. Er engagierte sich gewerkschaftlich, wurde Betriebsjugendvertreter und besuchte Fortbildungen. „Dort habe ich viel gelernt – zum Beispiel über den Nationalsozialismus. In der Schule waren wir nur bis zum 1. Weltkrieg gekommen.“
Kaum hatte er seinen Abschluss, gab es wieder Probleme. Die Bundesrepublik erlebte eine Wirtschaftskrise mit drei Millionen Arbeitslosen. Statt aber in Perspektivlosigkeit zu verfallen, verpflichtete sich Mecklenburg als Zeitsoldat bei der Bundeswehr und lernte weiter. Er wurde Hubschraubermechaniker, machte anschließend eine Ausbildung zum Flugzeugmechaniker und arbeitete in diesem Beruf bei den Vereinigten Flugtechnischen Werken in Varel. In dieser Zeit trat Mecklenburg in die SPD ein und wollte eine weitere Fortbildung zum Industriemeister anschließen. Auf dem Geburtstag eines Parteigenossen lernte er den Leiter einer Berufsschule kennen, der ihn aufgrund seiner gewerkschaftlichen Erfahrung einlud, vor den Schülern einen Vortrag zu halten. Mecklenburg nahm einen Tag Urlaub, um die Einladung annehmen zu können. „Es wurde der wichtigste Urlaubstag meines Lebens.“ Denn im Anschluss fragte ihn seine Zufallsbegegnung: „Willst Du nicht Lehrer werden?“
Lehrer? Ohne Hochschulreife? Wie sollte das funktionieren? Aber Mecklenburg war auf den Geschmack gekommen, wollte sich weiterbilden und legte 1973 nach ausführlicher Vorbereitung durch einen jungen engagierten Lehrer die Zulassungsprüfung für Nicht-Abiturienten ab. Während dieser Zeit wurde er zum Leser, „um zu kompensieren, dass ich kein Abitur hatte“. Mit der fachgebundenen Hochschulreife in der Tasche begann Mecklenburg mit dem Studium – zunächst an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg, dann an der Carl von Ossietzky Universität. Seine Fächer: Geschichte, technisches Werken und Politik.
1976 hatte Mecklenburg sein Staatsexamen erfolgreich bestanden und wollte nun loslegen. Doch Ende der 70er wurde die Einstellung von Pädagogen reduziert. „Doch ich hatte wiederum Glück.“ Allerdings bekam der Junglehrer keinen Job im Oldenburger Raum, sondern wurde nach Ostfriesland geschickt. An die Wallschule in Emden. Und wieder war ihm das Glück holt. Denn Helmut Collmann wurde sein sehr geschätzter Seminarleiter. Dass Collmann später zu seinem unmittelbaren Vorgänger als Landschaftspräsident werden sollte, konnte Mecklenburg damals noch nicht einmal erahnen. Und er stieg die Leiter weiter hoch: Konrektor, dann 21 Jahre Schulrektor in Wybelsum, parallel 25 Jahre im Rat der Stadt Emden, 2009 wurde er von Emden als Landschaftsrat in das Kollegium der Ostfriesischen Landschaft entsandt, 2014 dann zum deren Präsidenten gewählt. Mecklenburgs Fazit fiel am Ende seines Vortrags ebenso kurz wie prägnant aus: „Das Buch von Georg Picht bedeutete für mich eine Initialzündung!“
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