Emden-Ansicht aus Trümmern geborgen

1820dieKUNST hat eine kleine Ansicht des Ratsdelftes mit dem Rathaus und der fünfbogigen Rathausbrücke als Schenkung erhalten. Die Ölstudie erzählt eine spannende Geschichte

Der Schenker: Carl Garbe mit der kleinformatigen Ölstudie
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Emden. Aufgewachsen sind die Brüder Carl und Gert Garbe in Großefehn, aber oft waren sie bei dem Großonkel Heinrich Körner, der als Malermeister in Emden lebte, zu Gast. Er pflegte eine besondere Leidenschaft. Der Handwerker sammelte Antiquitäten und Bilder, mit denen er sein Haus Hinter dem Rahmen füllte. Am 6. September 1944, jenem Emder Schicksalstag, an dem auch das Renaissance-Rathaus von Bomben getroffen wurde, erhielt dieses Haus einen Volltreffer. Die wertvollen Objekte und Gemälde verschwanden unter Trümmern. „Mein Großonkel war traumatisiert und konnte den Verlust auch später nie verwinden“, erinnert sich Gert Garbe. Doch das völlig zerstörte Haus hielt noch Überraschungen bereit. Beim Suchen in den zerstörten Mauern fanden sich einige Kunstobjekte wieder, die den Feuersturm überstanden hatten – dazu zählte ein sehr kleines Gemälde mit einer Ansicht des Emder Ratsdelftes, wobei der Blick in der Ferne auf eine Ansicht der fünfbogigen Steinbrücke fällt, die 1755 eine hölzerne Vorgängerin ablöste und 1896/97 abgerissen wurde, als ein Teil des Delftes trockengelegt wurde. 
 

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Ein namentlich nicht genannter Künstler malte Mitte des 19. Jahrhunderts diese kleine Emden-Ansicht. Kunsthistorikerin Dr. Annette Kanzenbach vermutet, dass es ein reisender Maler war, der in der Stadt Station machte und das Bild hinterließ

Ein namentlich nicht genannter Künstler malte Mitte des 19. Jahrhunderts diese kleine Emden-Ansicht. Kunsthistorikerin Dr. Annette Kanzenbach vermutet, dass es ein reisender Maler war, der in der Stadt Station machte und das Bild hinterließ

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger


Heinrich Körner und seine Frau Ida vermachten das Bild ihrer Nichte, Mutter von Carl und Gert. Carl Garbe nahm es mit, als er nach Hamburg zog. Dort hing es in der Nähe des Kamins in seinem Haus – klein, ein bisschen lädiert vom Alter, mit den Jahrzehnten auch etwas verblasst. 2018 zeigte das Ostfriesische Landesmuseum die Ausstellung „Als Künstler Emden inszenierten“. Das sei Anlass gewesen, darüber nachzudenken, wo die Stadtansicht einmal bleiben sollte. Emden bot sich an. Es war der Stifter der Neuen Galerie im Landesmuseum, Dr. Walter Baumfalk, der den Kontakt zwischen Familie Garbe und der Kuratorin der Gemäldegalerie, Dr. Annette Kanzenbach, herstellte und auch die Übergabe der Schenkung begleitete. 

9,3 mal 13,8 Zentimeter misst die Ansicht, die wohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, wie Annette Kanzenbach vermutet. Die Kunsthistorikerin ist sicher, dass es kein Amateur war, der diese stimmungsvolle Studie erstellte. „Dazu ist der Bildaufbau zu professionell angelegt, die Malweise zu sicher.“ Und da es aus dieser Phase der Emder Geschichte kaum Darstellungen gebe, habe sie die Ölstudie auch gleich von Restauratorin Sybille Kreft überarbeiten lassen. Kohlenstaub und Feuchtigkeit machten dies notwendig, zudem hatten Silberfischchen Löcher in das Blatt gefressen. Beim Entrahmen stellte sich heraus, dass die Malschicht nur noch auf einem hauchdünnen Blatt Papier aufsaß, der Rest des Bildträgers hatte sich abgelöst und wurde durch einen speziellen Karton ersetzt. Der prunkvolle Zierrahmen wies im Bereich der Gehrungen Ablösungen auf und wurde neu zusammengefügt. 

Die abgeschlossene Arbeit fand die Zustimmung aller Beteiligten, die der Restauratorin, die seit mehr als 20 Jahren für das Landesmuseum arbeitet, ein dickes Lob aussprachen – für die sensible Art und Weise, mit der sie die Miniatur behandelt hatte. Das Gemälde wirke wieder frisch und farbiger als zuvor, meinte Gert Garbe. Dass die Ansicht in den Sammlungsbestand aufgenommen wurde und nun auch im Dauerausstellungsbereich gezeigt werden soll, stellt die Familie Garbe sehr zufrieden. „Das Bild hat jetzt einen Platz, den sich die Familie sehr gewünscht hat.“ Und Carl Garbe versicherte: „Wir haben nun einen Anlaufpunkt in Emden.“ KUNST-Vorsitzender Gregor Strelow dankte der Familie und versicherte, dass für das Bild ein „Heimathafen“ gefunden worden sei.
 

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Bei der Übergabe: Dr. Annette Kanzenbach, Anneliese und Gert Garbe (Großefehn), Ursel und Carl Garbe (Hamburg), Dr. Walter Baumfalk und Gregor Strelow.

Bei der Übergabe: Dr. Annette Kanzenbach, Anneliese und Gert Garbe (Großefehn), Ursel und Carl Garbe (Hamburg), Dr. Walter Baumfalk und Gregor Strelow.

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger


Als Zusatzpräsent überreichte Carl Garbe ein kleines Ölbild mit einem Fischerboot auf See vor Norderney von Heinz Mindermann (1872 bis 1959).

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Wolfgang Mauersberger

(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events

In diesem Beitrag erwähnt

1820dieKUNST

Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer seit 1820

Museum

Ostfriesisches Landesmuseum Emden

Das Ostfriesland Museum

Adresse
Brückstraße 1, Emden

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.