Erst verstehen! Dann sanieren!

Anlässlich der Ehrung des Gulfhauses zum Bauernhaus des Jahres 2026 hatte der Monumentendienst, Info- und Wartungsdienst für historische Gebäude, zu einem Vortragsabend in die Kunstscheune Gess in Jemgum eingeladen

In den 50er Jahre gab es noch keine befestigten Wirtschaftswege, da musste man mit Unfällen rechnen
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

In den 50er Jahre gab es noch keine befestigten Wirtschaftswege, da musste man mit Unfällen rechnen

Jemgum. „Dat muttst du eenfach plattmaken“, hatte der Passant dem Handwerker-Team empfohlen und mit seiner Abriss-Empfehlung den zentral stehenden Gulfhof in Sichtweite der Pilsumer Kreuzkirche gemeint. Bei diesem Haus sei es tatsächlich um die Frage Abriss oder Rettung durch Investoren gegangen, erläuterte Diplom-Ingenieurin Luise Fauerbach-Geiken. Doch am Ende verlief alles glücklich: der Pilsumer Gulfhof bleibt und wird derzeit grundsaniert. Ihren Vortrag „Alte Seele, neue Nutzung“ hielt die Raumplanerin vor rund 160 Besuchern einer Veranstaltung, die am Sonnabend (19. September) in der Kunstscheune Gess unter dem Titel „Giganten ländlicher Baukultur“ stattfand.

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Luise Fauerbach-Geiken bei ihrem Vortrag „Alte Seele, neue Nutzung“. Im Bild hinter ihr ist der frisch sanierte Gulfhof „Fahnhusen“ zu sehen.

Luise Fauerbach-Geiken bei ihrem Vortrag „Alte Seele, neue Nutzung“. Im Bild hinter ihr ist der frisch sanierte Gulfhof „Fahnhusen“ zu sehen.

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Anhand dreier Beispiele aus Pilsum, Rysum und Wittmund erklärte Fauerbach-Geiken, die selber auf einem Bauernhof im Harlingerland aufwuchs, wie man Altes bewahren, Bestehendes wertschätzen und alte Substanz „revitalisieren“ kann. Der Gulfhof Fahnhusen (Landkreis Wittmund) wurde 1804 erstmals erwähnt, doch die Besiedlung des Platzes, der eine Alleinlage aufweist, soll wesentlich früher erfolgt sein. Bis in die 1950er Jahre wurde der Hof landwirtschaftlich genutzt, danach war nur noch das Vorderhaus bewohnt. Nach einer umfangreichen Sanierung, bei der alles erhalten wurde, was irgend möglich war, und viele Baumaterialien wiederverwendet werden konnten, wandelte sich der denkmalgeschützte Bauernhof unter der Konzept-Idee „Gemeinsam mehr Zeit miteinander verbringen“ zum großzügig dimensionierten Eventhof.

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Blumen für die Referenten überreichten die beiden Projektleiterinnen des Monumentendienstes Kerstin Stölken und Bente Juhl. Hier ist Luise Fauerbach-Geiken die Empfängerin

Blumen für die Referenten überreichten die beiden Projektleiterinnen des Monumentendienstes Kerstin Stölken und Bente Juhl. Hier ist Luise Fauerbach-Geiken die Empfängerin

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In Rysum erwarb ein Privatmann einen der dort noch bestehenden fünf Gulfhöfe – ehemals gab es 20 dieser großen Gehöfte – und ließ ihn als Feriendomizil für die Familie umbauen. Auch hier wurde die alte Substanz weitgehend erhalten. Dabei stellte sich heraus, dass das Ständerwerk des Gulfes älter war als das aus der Zeit um 1900 stammende Vorderhaus. Im Zuge der Sanierung wurde aus dem alten Kuh-Gang ein Spa, das alte Plumpsklo zum Schuhraum und die Beischeune zur gläsernen Orangerie.

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Er ist seit 15 Jahren beim Monumentendienst tätig und gilt als absoluter Kenner des Gulfhauses: Kay Neuling

Er ist seit 15 Jahren beim Monumentendienst tätig und gilt als absoluter Kenner des Gulfhauses: Kay Neuling

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Dass der Erhaltungszustand von Gulfhöfen durchaus Probleme bereiten kann, erläuterte Kay Neuling in seinem Vortrag „Monumentendienst. Wegbegleiter für den Erhalt der Gulfhäuser“. Der Maurermeister und Restaurator im Handwerk ist seit 15 Jahren beim Monumentendienst angestellt und gilt als intimer Kenner dieser Gebäudeform. Sein Credo „Erst verstehen, dann sanieren“ deutet auf die vielfältigen technischen Wechselwirkungen von Schäden, deren Ursache es zu erforschen gilt, ehe Maßnahmen getroffen werden können. Dabei müsse man jedes Gebäude individuell betrachten, weil jedes Haus seine charakteristischen Eigenschaften mit sich bringe, sagte Neuling. Es ging in dem Vortrag entsprechen um Fundamentierungen, um Stein- und Fugenmaterial, um ein- oder zweischalige Mauerwerke, um Verformungen, Risse, Auflager von Gewölben, um unterschiedliche Dachformen. Das Gemeinsame des Gulfes benannte Neuling sehr deutlich: „Es gibt keine andere Gebäudeform, die mit so wenig Material so viel Raum schafft.“

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Hermann Schiefer referierte mit Hilfe vieler seltener Fotographien über „Arbeiten und Wohnen auf dem Gulfhof“ Einblicke in frühere Zeiten

Hermann Schiefer referierte mit Hilfe vieler seltener Fotographien über „Arbeiten und Wohnen auf dem Gulfhof“ Einblicke in frühere Zeiten

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Der ehemalige Denkmalpfleger Hermann Schiefer gab einen Eindruck davon, wie man früher in einem solchen Haus lebte und arbeitete. Er lenkte den Blick aber auch auf die vielfachen Tätigkeiten, die die Landwirtschaft einst erforderten, auf die Leistungen, die Menschen und Tiere dabei erbringen mussten, aber auch auf die „Stressfreiheit“, die bei aller Härte der Arbeit das Leben auf dem Land bot. Der Gulfhof bestand, so erläuterte Schiefer, der selber auf einem Bauernhof aufwuchs, nicht allein aus den Gebäuden. Vor dem Wohnhaus standen Linden als Hausbäume. Um den Komplex herum gruppierten sich ein Park, ein Gemüse- und ein Obstgarten, ein Backhaus sowie eine Gerätescheune. Die steinerne Sonnenuhr gehörte ebenso dazu wie ein Storchennest. Der Gulf konnte bis auf 50 Meter Länge anwachsen, und das Vieh bildete die Existenzgrundlage. Selbstversorgung war selbstverständlich. Im Kolonialwarenladen wurde nur eingekauft, was nicht selber zu produzieren war – Gewürze und Salz beispielsweise. Bezahlt wurde übrigens nicht bei jedem Einkauf. Man ließ anschreiben und rechnete nur ein- oder zweimal im Jahr ab. Die heimische Schlachtung eines Schweins war ein herbstliches Ereignis, das mit einem üppigen Schnirtje-Essen festlich endete. 

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In der Pause konnten sich die Besucher an einem Büchertisch einen Überblick über Literatur zum Gulfhof verschaffen

In der Pause konnten sich die Besucher an einem Büchertisch einen Überblick über Literatur zum Gulfhof verschaffen

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Schiefer gewährte den Blick in eine Welt, in der es eine Sommerköken in der Scheune gab und eine  Winterköken im Haus, wo sich das gesamte Leben abspielte. Tisch, Stühle, ein Schrank und eine Butzenwand – mehr benötigte man nicht. Gekocht wurde zunächst am offenen Feuer, das auch als Heizung diente. Erst allmählich besserten sich die Verhältnisse. Statt nahezu unpassierbarer Wege wurden Wirtschaftswege angelegt. Und die Bauern, besonders in den fruchtbaren Marschen, wurden durch die guten Ernten wohlhabend. Sie fühlten sich als Mitglieder einer bäuerlichen Oberschicht, ritten aus, ließen Porträts und kunstvolle Scherenschnitte von sich und der Familie anfertigen, leisteten sich teure Stoffe für ihre Kleidung. Und wenn sie mehr als den einen Sohn hatten, der den Hof erbte, dann schickten sie die anderen zum Studium an die Universitäten.

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 Sprach über sein Lieblingsprojekt „Dorfquartier Brual“: Unternehmer Bernd Wittrock

Sprach über sein Lieblingsprojekt „Dorfquartier Brual“: Unternehmer Bernd Wittrock

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Einen abschließenden Vortrag hielt schließlich der Unternehmer Bernd Wittrock aus dem Emsland. Er stellte das Projekt „Dorfquartier Brual“ vor. Hier entstehen in und rund um einen restaurierten Gulfhof mit 10 000 Quadratmetern Außengelände neun Wohnungen nach ökologischen Maßgaben, Gemeinschaftsräume, ein Schwimmbad, das als Wärmespeicher genutzt wird. Dazu kommen ein Kindergarten und ein Bewegungsparcours. Alles wurde und wird noch nach dem Motto eingerichtet „Alte Häuser brauchen neue Aufgaben“. 

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Wolfgang Mauersberger

(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events

In diesem Beitrag erwähnt

Galerie & Atelier

Kunstscheune Gess

Kunstausstellungen, Lesungen, Diskussionsabende, Konzerte

Adresse
Jemgumgaste 2 a, Jemgum

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.