Fischkutter zwischen Vergangenheit und Zukunft
Im Rahmen der Dienstagsrunde von 1820dieKUNST stand ein kulturhistorisch-maritimes Thema auf dem Programm. Kapitän Gerold Conrad (Greetsiel) sprach über „Kriegsfischkutter an der ostfriesischen Küste“
Emden. Er war 24 Jahre alt, als er seinen Fischkutter kaufte. Gerold Conradi ist der Fischerei in sechster Generation verbunden. Er bildete rund 20 junge Fischer aus, führte seinen eigenen Fischereibetrieb, ist Geschäftsführer der Greetsieler Werft und unterhält eine Netzmanufaktur. Zudem ist er in der Verbandsarbeit tätig und pflegt seit 15 Jahren ein Fischkutter-Register, das rund 30 000 Aufnahmen von über 2000 Fischereifahrzeugen enthält. Somit ist er berufen, über ein ganz spezielles Thema zu sprechen: die Kriegsfischkutter (KFK).
Sprach auf Einladung von 1820dieKUNST: Gerld Conradi
In der gut besuchten Veranstaltung im Rummel des Rathauses am Delft erläuterte Conradi, dass die seit den 20er Jahren gebauten zivilen hölzernen Reichsfischkutter, die bezuschusst wurden und daher im Kauf günstig waren, unter einer Bedingung abgegeben wurden: im Kriegsfall mussten die Kutter der Marine überlassen werden. Da sie indes über keine einheitlichen Maße und Ausstattungen verfügten, die Reparaturen somit teuer waren, entschloss sich die Marine 1942, 1072 Kutter in Auftrag zu geben. Sie wurden auf 42 Werften in ganz Europa gebaut, teilweise ohne Wissen der Werften, dass sie Kriegsgerät bauten. Fertiggestellt und in Dienst gestellt wurden 612 Fischkutter, 554 kamen zum Fronteinsatz, rund 135 sanken, betonte Conradi.
Bau der Kriegsfischkutter: hier sind sie in verschiedenen Zuständen der Fertigung zu sehen
Unter den verschiedenen Modellen habe sich die 24 Meter-Klasse als besonders geeignet erwiesen. Die Schiffe wiesen Stahlspanten auf, die mit Holzbeplankung versehen wurden. Bei 110 Tonnen Verdrängung erreichten die Boote eine Geschwindigkeit von rund neun Knoten (16,67 km/h). Genutzt wurden sie als Wachboote, Minensuchboote, Minenjäger oder Vorpostenboote. Viele fuhren auch als Begleitschutz.
Die Spanten sind aus Stahl gefertigt, darüber wird eine Holzbeplankung gezogen
Nach dem Krieg waren die Kutter zum Beispiel als Minensucher im Einsatz oder im Rahmen ihrer eigentlichen Bestimmung als Fischkutter unterwegs. „Die Schiffe fahren teilweise heute noch“, erklärte Conradi. Sie wurden zu Ausflugsschiffen, Privatyachten oder Hochsee-Angelkuttern umgebaut. Anhand von Beispielen demonstrierte Conradi auch die Vita solcher Schiffe. Eines von ihnen erlangte gar musealen Statur. Die „Nordwind“ befindet sich heute als Exponat im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven.
So sieht der Fischkutter der Zukunft aus. Er soll in Kleinserie gebaut und pro Kutter für rund zwei Millionen Euro angeboten werden
Conradi blieb aber nicht der Vergangenheit verhaftet. Er schildert auch die Zukunft der Kutterfischerei. Dafür wird ein neuartiger Fischkuttertyp entwickelt. Der Greetsieler gehört dem Entwicklungsteam der Hochschule Emden-Leer an, die als Projektleitung fungiert und den Prototyp 2029 vorstellen will. Der Kutter wird 20 Meter lang sein und die Besatzung in Logis unterbringen, die im vorderen Bereich über Deck eingerichtet werden. Das Ziel , das mit der neuen Kutter-Generation verbunden ist, lässt sich – so Conradi - in drei Begriffen fassen: umweltschonend, klimaneutral und wirtschaftlich nachhaltig. Das Projekt wird vom Bund mit zehn Millionen Euro gefördert. Davon müssten allerdings nicht nur die Kosten der Entwicklung und des Baus, sondern auch eine Betankungs-Infrastruktur für grüne Kraftstoffe an der Küste entwickelt und gebaut werden, sagte Conradi. Erprobt würden auch umweltschonende Fangmethoden.
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events
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