Esens. Man hatte den Eindruck, der Wettersturm der vorangegangenen Nacht habe in Esens seine Fortsetzung in Musik gefunden. So enthusiastisch begann das Konzert in der St. Magnuskirche – mit der leidenschaftlichen Musik des Ludwig van Beethoven, dessen Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll auf dem Programm stand. Solist war Matthias Kirschnereit – und der demonstrierte, was alles aus einem 500 Kilo schweren Steinway herauszuholen ist, wenn ein Top-Orchester unter erstklassiger Leitung der Partner ist. Der erste Satz verlief derart temperamentvoll, dass ein Teil des Publikums sich bemüßigt fühlte, schon vorzeitig zu applaudieren. Das nahm die NDR Radiophilharmonie genauso gelassen zur Kenntnis wie ein bestens aufgelegter Dirigent Andrew Manze und ein beglückter Solist.
Arbeiten immer noch bestens zusammen: Andrew Manze und die NDR Radiophilharmonie, deren Chef er eine Dekade lang war
Beide machten den Eindruck, regelrecht in die Musik verliebt zu sein. Andrew Manze dirigierte mit ganzer Intensität, mit fröhlichem Gesichtsausdruck und gelassenen Bewegungen. Kirschnereit streichelte die Komposition – insbesondere im Largo - und lauschte verzückt den Wirkungen seiner Tastenkunst hinterher. Das war ein fruchtbares Geben und Nehmen, ein Hin und Her der feinen, eleganten Art, zugleich aber auch mit starkem Ausdruck und dem Willen, die Komposition in ihre Tiefen hin auszukosten. Und das Orchester reagierte sekundentreu auf seinen ehemaligen Chefdirigenten, der rund zehn Jahre das Orchester leitete und damit alle seine Eigenheiten kannte.
Lotete als Solist die Tiefen der Komposition Beethovens aus: Matthias Kirschnereit
Die Radiophilharmonie war standesgemäß im Frack angetreten. Und dieser formvollendete Auftritt machte Eindruck, denn er zeugte von Haltung – dem Publikum, aber mehr noch dem zu interpretierenden Werk gegenüber. Dieses war im zweiten Teil Dvoraks „Sinfonie Nr. 3 Es-Dur, op. 10“, eine selten gespielte Komposition des jungen Komponisten, die ebenso unerbittlich charaktervoll interpretiert wurde wie zuvor das Beethoven Klavierkonzert Nr. 3. Mit vollem Orchester, zudem mit Harfe und Tube, entfaltete sich ein Klangteppich der schönsten Art, schwungvoll geleitet von einem Dirigenten, der mit seinem Orchester außerordentlich zufrieden schien.
Präzise und formvollendet: Andrew Manze
Und weil alles so erfüllt von Musik war, gab es gleich drei Zugaben. Kirschnereit spielte die „Ungarische Melodie“ von Franz Schubert und – da der Applaus gar nicht aufhören wollte – Claude Debussys „Mouvement“, ein flirrendes impressionistisches Klangbild. Auch das Orchester stand nicht zurück und legte mit dem dritten, rasanten Satz „Vivo“ aus der Streichersinfonie von Grażyna Bacewicz (1909 bis 1969) ein weiteres Zeugnis seiner hohen Spielkunst ab.
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