Gegen das Vergessen
Die Emder Journalistin und Autorin Iris Hellmich hat ihr Buch zum 6. September 1944 in dritter erweiterter Auflage vorgestellt
Emden. „Mir ist oft Angst, wir könnten sie vergessen,
die Nächte, die im Bunker wir gesessen …“
Diese Anfangszeilen eines Gedichtes, das die Ehefrau des Emder Mennonitenpastors Abraham Fast, Luise Fast, in Erinnerung an die Bombennächte schrieb, standen wie eine Mahnung über einer Lesung der Journalistin und Buchautorin Iris Hellmich. Die gebürtige Emderin hat ihr Buch über den 6. September 1944 „Der schwärzeste aller Tage“ in dritter und erweiterter Auflage herausgegeben – und dies zum Anlass genommen, es noch einmal vorzustellen – in der Mennoniten-Kirche in der Brückstraße.
Las Passagen aus dem Buch zum 6. September: Iris Hellmich
82 Jahre nach den Ereignissen von 1944 steht die städtische Gedenkveranstaltung unmittelbar bevor – und damit die Frage nach dem Erinnern. Die Stadt Emden hat die jedes Jahr merklich schwindende Zahl an Besuchern des Gedenkens zum Anlass genommen, ein neues Konzept zu entwickeln, das am Sonntag erstmals erprobt werden soll. Denn Zeitzeugen, die die Geschehnisse als Jugendliche oder Erwachsene bewusst erlebt haben, gibt es nur noch begrenzt. Aber es gibt Berichte und Erzählungen von jenen, die dabei waren. Und diese Erinnerungen hat Iris Hellmich in rund vier Jahrzehnten von den Dabeigewesenen selbst erfragt und sie notiert.
Rund 60 dieser Zeitzeugen-Erinnerungen sind nun in ihrem Buch vereinigt. Dabei stimmen die grundsätzlichen Situationsbeschreibungen – wie kaum anders zu erwarten - überein: schöner Spätsommertag, heftiger Angriff, schwankende Bunker, Furcht, das Verbot, die Schutzräume zu verlassen. Danach: brennende Innenstadt, brennendes Rathaus, brennende Häuser, schwelende Straßen, weithin sichtbare Rauchschwaden. Interessant aber wird es bei den Details, denn da wechselt der Fokus, und das Geschehen bekommt Individualität. Es werden Verlusterfahrungen thematisiert, die nicht nur Menschen, sondern auch Dinge betreffen: bei einem Zahnarzt bleibt vom gesamten Inventar seines Hauses nur ein einfacher Tretbohrer übrig, bei einem anderen Emder war es ein Schraubstock.
Rezitierte das Gedicht ihrer Schwiegermutter Luise zum 6. September
Es wird berichtet, dass das Schwimmdock der Werft in zwei Teile zerbrach, dass Tiere auf den Straßen elendig verreckten. Ein Zeitzeuge will gesehen haben, wie das Gebäude der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Abenteuer (damals in der Großen Straße), in Flammen stand, und wie das Rathaus verbrannte. All dies, obwohl es streng verboten war, nach dem Angriff den Bunker zu verlassen. Andererseits berichtet ein anderer Zeitzeuge, dass es ihm dreimal in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1944 gelungen sei, aus verschiedenen Emder Bunkern zu flüchten.
Dann sind da eine Vielzahl von Zeitzeugen-Berichten, die beschreiben, wie sie den Brand in der zerstörten Stadt aus der Ferne mit ansahen: von Neßmersiel, von Neermoor, von Widdelswehr aus. Und immer wieder gibt es die emotionalen Momente: vor Erschütterung und Erschöpfung weinende Männer, Noteinquartierung im Bunker, weil alles zerstört ist, Ungewissheit wegen des Schicksals von Familienmitgliedern, das Leid von Kriegswitwen und Müttern, die ihre Männer und Söhne an der Front verloren.
Und so wird das Buch nicht nur zu einer Zustandsbeschreibung der Zerstörung einer Stadt und den Gefühlen der darin lebenden Menschen, sondern es gewinnt an Allgemeingültigkeit. Es geht also nicht um das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung, nicht um das Leid der Getöteten, der Vermissten – und das auf allen Seiten der Kriegsteilnehmer. Es geht ganz schlicht um eine Ur-Frage: Warum tun Menschen sich so etwas an, immer wieder und wieder?
▶ Iris Hellmich, Der schwärzeste aller Tage, 334 Seiten, zahlreiche Bilder, Herodot-Verlag Emden, ISBN 978-3-69089-094-6. Das Buch ist im Handel oder direkt bei der Autorin unter Mail
IrisHellmich@gmx.de
zu bekommen. Es kostet 14,90 Euro