Hohe Kunst
Das 12. Konzert des Gezeiten-Festivals führte nach Schirum, wo die jüngsten Musiker der diesjährigen Saison die Besucher vom Hocker rissen
Schirum. „Für Ravels „Tzigane“ muss man mit allen Wassern gewaschen sein“, schreibt Jan Kampmeier in seinem klugen Beitrag im Programmheft der „Gezeiten“ für das Konzert bei Pollmann & Renken. Diese Einschätzung darf nicht allein für Violinistin Kira Koch (Jahrgang 2010) gelten, die das Virtuosenstück mit technischer Brillanz in Szene setzte, sondern für alle vier Jungmusiker, die das Publikum schier zur Raserei brachten. Drei 16-Jährige und eine 13-Jährige standen auf dem Podium. Mit Klavier, Violine und zwei Violoncelli boten sie ein Programm, das zum Fürchten war – ob seiner Komplexität, seines Anspruchs, seines Verlangens nach Perfektion, seiner inhaltlichen Größe.
Ganz zum Schluss gab es ein Trio: Kira Koch, Linda Yuan und Oscar Hollmer
Charlotte Melkonian ist Jahrgang 2013. Ihr Cello ist eine Leihgabe des Deutschen Musikinstrumentenfonds und datiert ins Jahr 1779. Immerhin ist es damit mehr als 230 Jahre älter als seine Spielerin. Dass der Fonds ein derart wertvolles Instrument einer 13-Jährigen anvertraut, sagt viel aus über das musikalische Können des jungen Mädchens, ihr Verantwortungsbewusstsein, ihre Zuverlässigkeit. In Schirum spielte sie gemeinsam mit der Pianistin Linda Yuan die „Ungarische Rhapsodie“ von David Popper, die als „schwer“ klassifiziert ist, mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit, die hinreißend war. Vier Sätze aus der 1. Suite für Violoncello solo folgten – und wieder staunte man über die Ausdrucksstärke, die da in so jungen Jahren auf die Bühne gebracht wurde.
Die jüngste der Konzertierenden: Cellistin Charlotte Melkonian
Oscar Benjamin Hollmer zeigte mit Ligetis ebenfalls als „schwer“ klassifizierter „Sonate für Violoncello solo“ eine geradezu artistische Fingerfertigkeit, die ihm indes keine Probleme bereitete - so flüssig erfolgte der musikalische Parforceritt. Wie stets bei solchen Konzerten, ist das Klavier als Instrument kräftig eingebunden. Die mit 16 Jahren bereits hoch dekorierte Linda Yuan zeigte sich als Partnerin bei Popper und Ravel souverän. Was sie dann allerdings als Solistin mit Chopins Variationen über Mozarts „Là ci darem la mano“ machte, was sensationell. Chopin war übrigens 17 Jahre alt, als er das Stück komponierte. Den Schwierigkeitsgrad beschrieb die 12-jährige Clara Schumann in ihrem Tagebuch so. Pianisten und Lehrer hielten die Komposition „für unverständlich und unmöglich zu spielen“. Linda Yuan spielte sie – und das mit ganzer Brillanz und Leichtigkeit, die das Werk geradezu duftig wirken ließ.
Die hohe Kunst der Kammermusik zeigten Kira Koch, Oscar Hollmer und Linda Yuan dann bei Beethovens Opus 70/1, dem sogenannten „Geistertrio“ mit wunderschönem Zusammenspiel und phantastischer Tiefe des Ausdrucks. Man muss konstatieren, dass all jene zu beneiden sind, die dieses Konzert der sehr jungen Gipfelstürmer erlebt haben. Oder, um die Worte von Raoul-Philip Schmidt, dem organisatorischen Leiter der Gezeitenkonzerte, zu zitieren: „Die Zukunft der Klassik ist gesichert.“
In diesem Beitrag erwähnt
Gezeitenkonzerte 2026
"Begegnungen"