Aurich. Die Besucher der „Langen Nacht“ konnten allerlei lernen. Etwa, dass man die unterschiedlichen Verläufe dänischer Hochzeiten sehr wohl auf der Bratsche bildhaft darstellen und dabei sogar eine Schlägerei per Instrument prima nachempfinden kann. Die japanische Viola-Spielerin Ayaka Taniguchi machte das mit schelmischem Lächeln und ungeheurer Spielfreude deutlich, nachdem sie zuvor bravourös Hindemiths „Sonate für Bratsche allein“ op. 25/1 interpretiert und damit für 15-minütiges bewunderndes Staunen gesorgt hatte.
Verbindet Begabung und Humor: Bratschistin Ayaka Taniguchi
Dieses Jahr hatte Intendant Matthias Kirschnereit, der auch – gemeinsam mit dem Hamburger Musikwissenschaftler Ulf Brenken – die Moderation des Wandelkonzertes übernahm, insgesamt elf junge Talente zu den beiden „Nächten“ gebeten: zwei Schauspieler, eine Sopranistin, acht Instrumentalisten. Sie gestalteten – wie bei der Langen Nacht üblich – zunächst den „offiziellen Teil“, von Kirschnereit als „Pflicht“ klassifiziert, um anschließend in der „Kür“ einen bunten Kehraus zu veranstalten, der ein sechsstündiges Programm um Mitternacht mit „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana abschloss, wobei sich die Schauspieler Charlotte Vogel und Nikita Heimann sowie Sopranistin Felicitas Wrede zu einem Gesangsterzett zusammenfanden, während ein entfesselter Cellist Marc Strokov mit der Querflöterin Firiël Werners den Instrumental-Part spielten, nein, jugendlich frech hinrotzten.
Eigenwillig und selbstbewusst: das Duo Firiël & Ilse
Das bunte Durch- und Miteinander ist Kennzeichen jenes dritten Teils und zeigt immer wieder, wie viel Humor und Leidenschaft die jungen Musiker, die im Grunde alle dem Begriff „Gipfelstürmer“ schon entwachsen sind, mitbringen und wie leicht es ihnen fällt, nach nur einer (oder auch keiner) Probe in ganz neuen Konstellationen aufzutreten und dabei ebenso viel Spaß zu haben wie das Publikum. Die strahlenden Gesichter der elf jungen Leute irgendwo zwischen 20 und 25 Jahren sprachen jedenfalls Bände. Und auch im Publikum ging die Sonne auf – etwa als alle gemeinsam die „Berliner Luft mit ihrem holden Duft“ besangen und im Marschrhythmus beklatschten.
Können Schauspiel, aber auch Musical: Charlotte Vogel und Nikita Heimann
Stimmung – das war das Stichwort, das Kirschnereit mit seinem Wort von der „Magie“ des Formates meinte und das sich umfangreich breit machte. Zuvor ging es angespannter, aber nicht minder bunt zu. Das Trio Sarastro - Sophie Rauch (Violine), Marc Strokov (Cello) und Sebastian Rauch (Klavier) - widmete sich hinreißend dem 1. Satz aus Mendelssohn-Bartholdys „Klaviertrio d-Moll“ und mit Temperament dem Klaviertrio Nr. 1 c-Moll von Schostakowitsch. Als ganz besonderes Duo mit eigenwilligem Programm zeigten sich Firiël Werners (Querflöte) und Ilse Kok (Akkordeon), die unter anderem eine Eigenkomposition vorstellten und mit einem modernen Jazz-Werk des 49-jährigen Komponisten Gorka Hermosa ihre große Neigung für die Musik unterschiedlichsten Regionen und Stile dokumentierten.
Spielte Mendelssohn und Schostakowitsch: das Trio Sarastro
Felicitas Wrede verfügt über einen Sopran von großer Kraft und viel Ausdruck – gleich ob sie Lieder oder Arien aus Oper und Operette singt. Sie wurde von dem Südkoreaner Seunghun Shin kongenial begleitet, wobei deutlich wurde, welche wunderbare Wirkung sich entfaltet, wenn ein solch perfekt agierendes Team aufeinandertrifft. Die Chinesin Lezi Zhang sorgte auf dem Klavier für einen der berührendsten Momente des Abends. Die Studentin von Matthias Kirschnereit spielte Präludium und Fuge a-Moll, Nr. 20 aus dem 1. Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ von Johann Sebastian Bach. Es wurden fünf Minuten voll funkelnder Inspiration. Zuvor hatte sie mit der Klaviersonate Nr. 2 in b-Moll von Rachmaninow ihre überzeugende Interpretationskraft demonstriert. Wie anstrengend es ist, 20 Minuten mit der monumentalen Sonate zu „kämpfen“, konnte man allerdings erst erahnen, als sie den langanhaltenden Applaus hinter sich ließ und ins Off trat.
Großer Sopran und wunderbarer Piano-Begleiter: Felicitas Wrede und Seunghun Shin
Schauspieler Nikita Heimann befasste sich auf Grundlage des Brecht-Dramas „Baal“ mit dem Motiv des abgrundschlechten Menschen, der säuft, schwängert, mordet. Dabei gestaltete er die Szene nicht nur mit der Sprache, sondern sang auch und begleitete sich selbst am Klavier. Charlotte Vogel gab die „Lysistrata“ des antiken Dichters Aristophanes und spielte die zentrale Szene, als Lysistrata die Frauen von Athen und Sparta dazu aufruft, ihre kriegslüsternen Männer durch sexuelle Verweigerung zum Frieden zu zwingen. Diese spielerischen Elemente rundeten nicht nur das Programm der „Langen Nächte“ ab, sondern zeigten, auf welch hohem Niveau die Theater-Ausbildung an den Hochschulen verläuft, wenn man die dramatischen und komödiantischen Fähigkeiten mitbringt, über die Heimann und Vogel ganz offensichtlich verfügen.
Berührende Momente: Lezi Zhang am Klavier
Ein entschiedenes „Bravo!!!“ an alle elf Akteure, aber auch an die Betreuer, Gasteltern und das Gezeiten-Team, die alle zusammen ein solches Erlebnis überhaupt möglich machen.
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