Emden. Wie nähert man sich den legendären letzten drei Klaviersonaten Beethovens? Ohne große Umstände, wenn es nach Elisabeth Leonskaja geht. Sie trat aufs Podium, kurze Verbeugung in Richtung Publikum – und schon ging es los. Eigentlich wollte sie ja die drei Werke in einem Zug durchspielen. Also war die Pause gestrichen worden. Doch es sollte anders kommen, denn es gab gesundheitliche Probleme bei zwei Besuchern, die – kaum waren die ersten Takte der 31. Sonate op.110 gespielt, zum Abbruch zwangen. Leonskaja nahm es gelassen. Das sei ihr in ihrer langen Karriere schon häufiger passiert, ließ sie wissen – um dann nach der Unterbrechung unverzüglich fortzufahren.
Zwei, die blendend miteinander klarkommen: Elisabeth Leonskaja und Ludwig van Beethoven.
Wie oft mag sie diese drei Sonaten wohl schon gespielt haben, fragt man sich angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der sie agiert? Wie lange mag sie diese Werke immer wieder geprobt, an der Interpretation gefeilt haben, bis alle drei Stücke so klingen, wie sich der zu dieser Zeit vollständig ertaubte Ludwig van Beethoven und die Virtuosin Leonskaja das gedacht haben? Dieses ganze Spektrum zwischen emotional aufgeladener, dann wieder elegisch verklärender Musik stand auf dem Programm und traf auf ein konzentriert hörendes Publikum in der ausverkauften Johannes a Lasco Bibliothek.
Hände, die es können: Elisabeth Leonskaja am Steinway-Flügel
Bei Elisabeth Leonskaja klingen die Sonaten, als könnten sie nur so und nicht anders gespielt werden. Sie scheut kein Zulangen, keine donnernden Klangfolgen. Sie ist gefühlsmäßig distanziert und doch auf unnachahmliche Art ganz innig beteiligt. Sie ist bereit zu massiver Tastenkunst und bleibt doch in eleganter Weise zurückhaltend. Sie ist die Herrin des Geschehens, und diese Rolle lässt sie sich nicht nehmen – mit Gelassenheit und der Fähigkeit, die Tiefen des menschlichen Seins musikalisch auszuloten.
Großer Raum, große Musik, große Virtuosin
Leonskaja weiß, wie sie dem Publikum nahetreten kann – mit Musik, die sich zwischen Diesseits und Jenseits bewegt. Nur würde sie das wohl nie so theatralisch bezeichnen. Ihre Abgeklärtheit ist zu spüren, doch bedeutet das nie, dass sie nachlässig würde. Immer ist da diese Präsenz, die andeutet, dass sie das Werk durchschaut hat, dass deren Strukturen und Formen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Und sie versteht es auch, Höhepunkte zu erhalten und aufzulösen. So gab es als Zugabe den langsamen Satz aus Mozarts Klaviersonate Nr. 16, KV 545. Und das war wie eine hoffnungsvolle Linderung der Beethoven’schen Dramatik oder, wie ein Besucher anschließend respektvoll erklärte (denn der Satz höre sich so leicht an, sei aber ein schwerer Brocken), wie ein „lindernder Trost“. Braucht man den? Wer braucht den nicht?
Zwei, die bestens miteinander auskommen: Künstlerbetreuerin Berit Sohn und Pianistin Elisabeth Leonskaja beim Überreichen des Teepräsents als Dankeschön des Veranstalters
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