Will man sich in seinem Wohnzimmer in Ruhe mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzen, bieten Artotheken die Möglichkeit dazu, denn aus diesen Einrichtungen lassen sich originale Kunstwerke kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr ausleihen. Artotheken können verschiedene Träger haben, etwa Kulturämter, Kunstvereine oder Museen, die mit dem Artothekenverband Deutschland e. V. über eine gemeinsame Interessenvertretung verfügen. Auch die Ostfriesische Landschaft ist Mitglied dieses Verbandes. Seit 2023 wird die Graphothek der Ostfriesischen Landschaft als Teil der Kulturagentur wieder aufgebaut.
Die Anfänge der Graphothek in Ostfriesland gehen auf das Jahr 1976 zurück. Vorbild waren die Kunstverleihe der Großstädte außerhalb Ostfrieslands, deren Form der kulturellen Teilhabe nun auch im ländlichen Raum verwirklicht werden sollte. Das Land Niedersachsen übertrug der Ostfriesischen Landschaft daher die Aufgabe, eine Sammlung an Originalgrafiken einzurichten. Die in der Folge angelegte Sammlung zeichnet sich durch eine breite stilistische Vielfalt aus und umfasst Werke des Kritischen und Phantastischen Realismus, der Popart, des Konstruktivismus sowie der abstrakten Kunst. Kunsthistorisch ist sie vor allem den 1960er- und 1970er-Jahren zuzuordnen, beinhaltet jedoch auch wertvolle Grafiken älterer Künstler, darunter mehrere Arbeiten des französischen Künstlers Auguste Renoir (1841–1919). Bemerkenswert ist zudem, dass etwa ein Drittel der Werke von Künstlerinnen und Künstlern stammt, die in Ostfriesland tätig waren, wie beispielsweise Herbert Dunkel (1906–1966) oder Hildegard Peters (1923-2017).
Insgesamt existierten fünf Standorte der Graphothek in den Städten Aurich, Emden, Leer, Norden und Wittmund, die über ganz Ostfriesland verteilt waren und so möglichst viele Menschen erreichten. Die Werke konnten an diesen Standorten über Bibliotheken ausgeliehen werden. Im Laufe der Jahre sank jedoch die Nachfrage, sodass das Leihangebot nach und nach eingestellt wurde. In neuerer Zeit stieg das Interesse am Kunstverleih jedoch wieder, weshalb 2023 die Bildbestände der einzelnen Graphothekstandorte in das neue Sammlungszentrum für historisches ostfriesisches Kulturgut der Ostfriesischen Landschaft in Aurich überführt wurden.
Im Zuge der Neuerschließung wird die Sammlung nach modernen Standards erfasst, wobei die zuvor ausschließlich in Papierform vorliegenden Informationen in eine digitale Datenbank überführt werden. Ein weiterer Arbeitsbereich besteht im Einholen der Bildrechte, um zukünftig auch die Darstellung der Kunstwerke im Internet zu ermöglichen, was ein beachtliches Maß an Detektivarbeit erfordert. Darüber hinaus spielt die Archivarbeit im Sammlungszentrum eine wichtige Rolle, wo die Bilder u.a. mit neuen Inventarnummern versehen werden. All diese Tätigkeiten werden überwiegend von derzeit neun ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgeführt, die die geplante Wiederbelebung der Graphothek durch ihren engagierten Einsatz erst ermöglichen.
Bereits jetzt macht das Format „Bild des Monats“ einen Teil der Sammlung öffentlich einsehbar. Hier präsentiert die Kulturagentur in regelmäßigen Abständen jeweils ein Werk aus der Sammlung. Anschauliche Texte, reich an Hintergrundinformationen und Interpretationsansätzen, begleiten die Grafiken und machen zugleich die stilistische Vielseitigkeit der Sammlung deutlich. So wurde etwa im Dezember 2024 der Holzdruck „Baum der Erkenntnis“ von Michael Francis Podulke (1922–1988) aus dem Jahr 1978 vorgestellt, eine Bearbeitung des biblischen Motivs der Verbannung aus dem Paradies, die mit gesellschaftlichen Zusammenhängen der 1970er-Jahre verknüpft ist. Der Beitrag für Juni 2025 richtet den Blick auf die Grafik „Alter Mann am Weg“ von Alf Depser (1899–1990), die eine alltägliche und zugleich symbolisch aufgeladene Szene zeigt und sich mit dem Älterwerden sowie der Vergänglichkeit auseinandersetzt.
Ziel ist es jedoch, die Graphothek der Ostfriesischen Landschaft insgesamt wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, was derzeit bereits im Rahmen von Leihgaben an verschiedene Institutionen des Kulturbetriebs geschieht. Langfristig ist angedacht, ausgewählte Grafiken wieder an Privatleute zu verleihen, wie es der Aufgabe einer öffentlichen Artothek entspricht.
Die Wiederbelebung der Graphothek der Ostfriesischen Landschaft lässt sich nicht allein als organisatorische Maßnahme verstehen, sondern auch als kulturhistorisches Ereignis, das die Wechselwirkung von regionaler Identität und globalen Kunstströmungen sichtbar macht. In der Sammlung spiegeln sich nicht nur die stilistischen Tendenzen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern auch die spezifischen Lebenswelten Ostfrieslands, die durch die Werke lokaler Künstlerinnen und Künstler eine ethnologische Dimension erhalten. So wird die Graphothek zur Schatzkammer eines kulturellen Gedächtnisses, das gleichermaßen die großen Linien der Kunstgeschichte wie die feinen Verästelungen regionaler Ausdrucksformen bewahrt. Mit der digitalen Erschließung und der geplanten erneuten Öffnung für die Öffentlichkeit entsteht ein lebendiger Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen ländlichem Raum und urbaner Kunstpraxis. Die Graphothek weist damit über ihre eigene Geschichte hinaus: Sie wird zum Modell dafür, wie kulturelle Teilhabe im 21. Jahrhundert gedacht und praktiziert werden kann – als Brücke zwischen Tradition und Innovation, zwischen lokaler Verwurzelung und weltweiter Vernetzung.
© Katharina Habben
In diesem Beitrag erwähnt
Regionale Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft
Kunst und Kultur für eine lebenswerte Zukunft
Ostfriesische Landschaft
Kultur, Wissenschaft und Bildung