Plädoyer für einen „Nie wieder-Tag“

Vor 82 Jahren wurde der Kern der Stadt Emden zerstört. Zum Gedenken an den 6. September 1944 trafen sich Bürger in der Johannes a Lasco Bibliothek. Im Fokus: eine Gesprächsrunde

Der Zuspruch zur Gedenkstunde in der Johannes a Lasco Bibliothek war in diesem Jahr groß
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ina Wagner

Der Zuspruch zur Gedenkstunde in der Johannes a Lasco Bibliothek war in diesem Jahr groß

Emden. Es war die Vorsitzende des Bunkermuseums, Roswitha Franke, die den Blick energisch in die Zukunft richtete und den Finger auch in eine Wunde legte. Sie forderte im Rahmen einer Gesprächsrunde zur Erinnerungskultur einen „Nie wieder-Tag“ für alle Schulen, um die Bedeutung dieses Satzes nachhaltig zu verankern und damit auch verständlich zu machen. Und sie wünschte sich, dass die Geschichtslehrer mehr Gebrauch machen von den Möglichkeiten, die das Bunkermuseum bietet. Denn dort könne Geschichte lebendig gehalten werden, was gerade angesichts der wachsenden zeitlichen Entfernung zu den Kriegsereignissen wichtig sei. Dass dem Bunkermuseum auch 32 Jahre nach seiner Eröffnung noch Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus angeboten würden, wertete sie als Zeichen für die Bedeutung und Wichtigkeit des Museums. 

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Gesprächsrunde am 6. September in der Johannes a Lasco Bibliothek: Tim Kruithoff, Lea Gerdhabing, Roswitha Franke, Thomas Sprengelmeyer und Moderatorin Thea Eilers. Ganz rechts: Patrick Pagendarm am E-Piano

Gesprächsrunde am 6. September in der Johannes a Lasco Bibliothek: Tim Kruithoff, Lea Gerdhabing, Roswitha Franke, Thomas Sprengelmeyer und Moderatorin Thea Eilers. Ganz rechts: Patrick Pagendarm am E-Piano

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Damit traf Franke offensichtlich einen Nerv, denn auch die Schülerin des Max Windmüller-Gymnasiums, Lea Gerdhabing, erklärte, dass man an ihrer Schule andere Möglichkeiten habe, Geschichte greifbar zu machen. Und eben dieses unmittelbare Erleben, etwa durch den Besuch von Konzentrationslagern, sei für das Verstehen so wichtig.

Thomas Sprengelmeyer, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Stolpersteine, erklärte in der von Thea Eilers moderierten Runde, dass alle weiterführenden Emder Schulen Mitglied der Gruppe seien und aktiv Recherchen betrieben. Man habe bisher 449 Steine verlegt, davon 85 für Nicht-Juden. Aber noch 400 Steine warteten auf eine Installation – und damit müsse man auch für 400 Menschen entsprechende biographische Forschungen betreiben. Da brauche es Menschen, die den Namen auch ein Gesicht gäben.

Zuvor hatte Oberbürgermeister Tim Kruithoff die traditionelle Ansprache zum Gedenktag unter das Motto gestellt: „Wer wird sich morgen erinnern?“ Zeitzeugen, die berichten könnten, gäbe es kaum noch. Heute seien es junge Menschen, die entscheiden würden, was die Erinnerung künftig bedeute. Bücher mit Zeitzeugenberichten, wie die aktuelle Publikation von Iris Hellmich „Der schwärzeste aller Tage“, die Kunst von Marsha Pels im Ostfriesischen Landesmuseum, die Erinnerung sichtbar mache und Fragen stelle, das Bunkermuseum, das Geschichte greifbar mache, könnten Zeitzeugen nicht ersetzen. „Aber sie können verhindern, dass mit den Zeitzeugen auch ihre Geschichten verschwinden.“

Die Menschen besäßen eine ungeheure Fähigkeit, sich zu erinnern – und gleichzeitig eine erschreckende Fähigkeit, aus Erinnerung nichts zu lernen. „Vielleicht ist deshalb das berühmte „Nie wieder“ schwieriger als es klingt.“ Denn dieser Satz sei eine Aufgabe, die sich jeder Generation neu stelle. Die Erinnerung an den 6. September 1944 gehöre nicht einer Generation, nicht einem Museum oder Vereins, sondern dieser Stadt. „Und wenn sie dieser Stadt auch in 20, 30 oder 50 Jahren noch etwas bedeuten soll, dann müssen junge Leute sie sich aneignen dürfen.“ Das Bunkermuseum bezeichnete Kruithoff in diesem Zusammenhang als Gedächtnisort, an dem man erfahren könne, was damals geschah. So werde aus Geschichte Verantwortung.


 

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Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.