Retten, was zu retten ist
Das Projekt „Bestattungskultur als Geschichtsquelle. Die Grabplatten des 16. bis 18. Jahrhundert aus zerstörten reformierten Kirchen in Emden“ biegt in die Schlusskurve ein. Ein Vortrag vor Mitgliedern von „1820dieKUNST“ stellte erste Ergebnisse vor
Emden. Mehr als 500 unterschiedlich große Bruchstücke von historischen Grabsteinen aus der Großen Kirche, der Gasthauskirche und dem Friedhof Nesserland hat das Archäologen-Ehepaar Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl untersucht und dann den Versuch unternommen, das Puzzle zu entwirren und die teilweise extrem schweren, bis zu 22 Zentimeter dicken Teile zuzuordnen. In 76 Fällen ist es gelungen, die Fragmente wieder zusammenzufügen: 25 Denkmäler stammen aus der Großen Kirche, 20 aus der Gasthauskirche, sechs vom Kirchhof Nesserland, und bei 25 Steinen lässt sich der Standort nicht mehr zuweisen. Von diesen 76 Platten sind nur 20 vollständig und könnten restauriert werden.
Alle Bruchstücke der Grabsteine sind auf Paletten beim Magazin des Ostfriesischen Landesmuseums aufgestellt, damit ein Überblick möglich ist
Die beiden Wissenschaftler, die sich vor allem mit der Rettung von Grüften beschäftigen und 2011 die „Forschungsstelle Gruft“ gegründet haben, sind nach dem Motto „Retten, was zu retten ist“ an die Aufgabe herangegangen. Sie stützten sich dabei auf Dokumentationen von Jan Fastenau aus den 30er Jahren, Theo Rehbein und Johannes Stracke. Doch die wesentliche Arbeit geschah vor Ort, bei den Steinen. Mitarbeiter des städtischen Bauhofs hätten geholfen, die schweren Teile zusammenzufügen. Dabei sei auch ein Bagger zum Einsatz gekommen. Um die Inschriften und Schmuckelemente, Wappen und Hausmarken auf den teilweise abgeriebenen, beschädigten, insgesamt sehr schmutzigen Steinen lesbar zu machen, hätten sie zunächst mit Wasser gearbeitet, dann aber auch mit Taschenlampen, Streiflicht und schließlich mit Frottagen, das sind Abbriebe. „Wir haben alles versucht“, sagt Andreas Ströbl, der selber Frottagen anfertigte, um auch das kleinste gestalterische Element sichtbar zu machen.
Schwerarbeit auch für die Wissenschaftler. Hier säubert Dr. Andreas Ströbl einen Stein (links oben), rechts unten fertigt er eine Frottage an, um fast vergangene Ornamente wieder sichtbar zu machen
Für jeden Stein wurde eine eigene Datei angelegt, die sämtliche Informationen enthält, die sich aus Dokumenten und eigenen Forschungsergebnissen ermitteln ließen. Zudem erstellte Regina Ströbl im Computer eine lange Liste mit allen Steinen, Fragmenten und allen Informationen, um den Überblick zu behalten. Während der Arbeiten nahmen sich die beiden Forscher Zeit, sich in Ostfrieslands Kirchen umzusehen und auch die Kirchen in den Niederlanden auf ihren Bestand an Grabsteinen zu durchforsten. Dabei seien sie auf schier unüberschaubare Mengen an Steinen gestoßen. „Uns sind die Augen übergegangen“, berichten die beiden Gruft-Forscher. In Franeker sei der Umgang mit den historischen Platten besonders vorbildlich. Dort habe man die Informationen auf 322 erhaltenen Grabdenkmälern, Namen, Wappen und Inschriften für Besucher aufbereitet – erweitert um die Adressen der Verstorbenen zu ihrer jeweiligen Zeit.
Mit einem Krangerüst werden die schweren Steine, die 15 bis 22 Zentimeter dick sind, bewegt, um auszuprobieren, ob und wie die Fragmente zusammenpassen
Die ostfriesischen Grabplatten bieten Wappen, die jene des Adels imitieren, und Hausmarken. Bibelsprüche finden sich kaum einmal, selten sind auch Motive, die die menschliche Vergänglichkeit symbolisieren, wie etwa eine Sanduhr oder Schädel. „Da hätten wir deutlich mehr erwartet.“ Die Inschriften sind in niederländischer, niederdeutscher, lateinischer oder – einmal – in französischer Sprache verfasst. Die schweren Steine wurden auf Schiffen transportiert, von Tournai, Namur oder Aachen. Das Material besteht aus Schiefer oder Kalkstein, beide werden volkstümlich wegen ihrer dunklen Farbwirkung unter der Bezeichnung „Blaustein“ zusammengefasst.
Die untersuchten Fragmente stammen aus der Zeit zwischen 1515 und 1709. Sie weisen in 65 Fällen Namensnennungen auf, in 18 Fällen wird ein Beruf genannt, zwölf von ihnen sind mehrfach verwendet worden. Wie die Steine transportiert wurden, ist nicht klar, da sie keinerlei Ansatzmöglichkeiten wie Ringe oder Löcher aufweisen. Auch lässt sich nicht mehr ausmachen, wer die Inschriften und Wappen wo gearbeitet hat.
Manche Steine mit auffälligen Wappen oder Hausmarken ließen sich schon im ersten Anlauf zusammenfügen
Es ist geplant, die Grabplatten als eine historische Geschichtsquelle der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das soll über analoge und digitale Publikationen erfolgen. Eine erste Info-Broschüre wird im Juli herausgegeben, kündigte die Ansprechpartnerin für das Emder Projekt, Dr. Annette Kanzenbach, an. Das Forscher-Team schlägt zudem vor, die etwa 20 Steine, die sich noch zusammensetzen lassen, im Stadtbild sichtbar zu machen. Dazu müssten sie allerdings erst einmal saniert werden.
Annette Kanzenbach betonte den historischen Wert der Steine. Den hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert auch die Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden schon erkannt und eine fotografische Dokumentation angelegt. In den 1960er Jahren übernahm es der damalige Kunst-Vorsitzende Johannes Stracke, die Denkmäler katalogmäßig zu verzeichnen.
Grabstein des Ehepaares Callenbach, der in Zweitverwertung von Jan Beerens genutzt wurde. Die teuren Steine wurden oft mehrfach genutzt, dabei blieb die ursprüngliche Inschrift aber erhalten. Rechts ist zu sehen, welches Puzzlespiel in manchen Fällen nöti
Es müsse den Menschen deutlich gemacht werden, dass die Grabsteine „beredte Geschichtszeugnisse und ein Stück erfolgreich gelebte Migrationsgeschichte Emdens und Ostfrieslands“ darstellten, hatte die Kunsthistorikerin im Zusammenhang mit der Bewilligung des Forschungsprojektes angemerkt. Das Grabstein-Projekt stehe zudem in guter Tradition, seien doch in den letzten 15 Jahren mit dem deutsch-niederländischen Forschungs- und Netzwerkprojekt „Memento Mori. Sterben und Begraben in einem ruralen Grenzgebiet“ schon wesentliche Schritte in diese Richtung gegangen worden.
Das Projekt wird betreut durch das Ostfriesische Landesmuseum Emden und das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege in Hannover. Die unterstützenden Partner sind: die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen / Deutsche Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Göttingen, der Archäologische Dienst der Ostfriesischen Landschaft, Aurich, die Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden seit 1820, die Landschaftsbibliothek der Ostfriesischen Landschaft, das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung, Wilhelmshaven, das Niedersächsische Landesarchiv, Abteilung Aurich, das Stadtarchiv Emden, Emden, die Stiftung Johannes a Lasco-Bibliothek Große Kirche Emden, Emden.
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events
In diesem Beitrag erwähnt
1820dieKUNST
Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer seit 1820
Ostfriesische Landschaft
Kultur, Wissenschaft und Bildung