Über eine Sprache, die „kein Ausheimischer“ versteht
Altphilologe Dr. Wilko Lücht führte im Rahmen der Neuen Dienstagsrunde von 1820dieKUNST in eine Zeit, als das Plattdeutsche in der Region eine Fremdsprache war
Emden. Es war ein gedanklicher Ausflug, der im frühen Mittelalter begann. Zwischen dem 6. bis 9. Jahrhundert findet sich das Friesische in Runeninschriften (Runen sind die Schriftzeichen der Germanen). Somit entwickelte sich das Friesische als eigenständiger Zweig des Germanischen, erläuterte Dr. Wilko Lücht (Jahrgang 1982), seit 2021 Bibliothekar an der Landesbibliothek Oldenburg. Der Wissenschaftler sprach im Rahmen der Neuen Dienstagsrunde im Rummel des Rathauses am Delft über „Friesisch in Ostfriesland. Schlaglichter aus der Zeit, als Plattdeutsch hierzulande Fremdsprache war“.
Dr. Wilko Lücht am Pult im Rummel des Rathauses am Delft
Das Friesische wurde dann ab dem 12. Jahrhundert für die schriftliche Fixierung von Rechtstexten genutzt. Dabei gab es im ostfriesischen Raum drei Bücher, die wichtig waren: die Brokmer, die Rüstringer und die Emsiger Codices. Einen Wechsel zum Niederdeutschen verzeichnete man im 15 Jahrhundert zunächst in Emden. Emden sei also eine Stadt des Wechsels, sagte Lücht. Als Beispiel diente dem Referenten der Brückenweg in Wybelsum, der sich 1463 noch friesisch Breghwey nannte. 20 Jahre später ist der Wandel zum Niederdeutsch erfolgt. Der Weg heißt nun Bruggheweg.
Chronisten der Region haben sich seit dem 16. Jahrhundert auch mit der sprachlichen Entwicklung befasst. Dafür führte Lücht eine Reihe von namhaften Gewährsmännern an. So hat Henricus Ubbius in seiner „Descriptio Frisiae“ 1530 angemerkt, dass bei Rittern und Städtern Plattdeutsch gesprochen werde. Die Bauern aber hätten ihre eigene Sprache, das Friesische, „das kein Ausheimischer“ verstehe. Diese Sprache sei so fremdartig, dass „der Lateiner besser einen Hebräer, der Grieche einen Araber“ verstehen könne als ein Deutscher einen Friesen. Selbst er, Ubbius, könne das Friesische nicht verstehen, obwohl er in der Region aufgewachsen sei.
Ein kleiner, aber höchst interessierter Kreis hatte sich im Rummel eingefunden
Der Geschichtsschreiber Eggerik Beninga schreibt 1543 in einem Brief an den Prediger Rainer Melches in Jarssum etwas polemisch auf Niederdeutsch: „Uns Friesen wird nachgesagt, dass wir den Affen gleichen. Was sie sehen, wollen sie gleich nachahmen.“
Ubbo Emmius notiert in seiner „Rerum Frisicarum Historica“ (1596 bis 1616) – wie zuvor schon Ubbius: „Fremde können sie (die friesische Sprache) nicht verstehen.“ Sie weise jedoch Ähnlichkeit mit dem Englischen auf. Die Aussprache sei aufgrund einer Vielzahl von Vokalen und Diphthongen schwierig. Daher gebe es auch so wenige Schriftzeugnisse.
Die erste Seite des „Memoriale Linguae Frisicae“ (Denkmal der friesischen Sprache) von Johann Cadovius Müller
Johann Cadovius Müller, Pastor zu Stedesdorf, bezeichnet in seinem „Memoriale Linguae Frisicae“ von 1691 einen Enno als letzten friesisch sprechenden Herrscher Ostfriesland, lässt aber offen, ob es sich dabei um Enno II. (1505 bis 1540) oder um seinen Enkel, Enno III. (1563 bis 1625), handelt. Lücht: „Beides wäre möglich.“
Zum Schluss des Vortrags stellte der Referent dann ein besonderes Schriftstück in friesischer Sprache vor: Das Hochzeitsgedicht des Rentmeisters Imel Agena für Eggerick Ulricken und Tialda Haiunga von 1632. Es entstand in Upgant-Schott im Brookmerland und gehört zu den Gelegenheitsgedichten. Das Gedicht umfasst 32 Verse im Paarreim und dürfe, so Lücht eine „Verneigung des Verfassers vor der Muttersprache sein“. Denn Agena bezeichnet sich in den letzten Zeilen als „aelden Frees“, als „alten Friesen“.
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events
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1820dieKUNST
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