Was von Ostfrieslands Festungen blieb
Vortrag über Ausgrabungen in Leerort und Diele
Aurich. Vollständig ausgraben sollten die Archäologen die ostfriesischen Festungen in Leerort und Diele nicht. Aber Einblicke in die Entwicklung der Anlagen und den Alltag ihrer Besatzungen nehmen – das sollten sie schon. Als 2010 ein von Touristikern diesseits und jenseits der Grenze initiiertes Interreg-Projekt mit dem Titel „Grenzland Festungsland“ nach entsprechenden Anlagen im ostfriesischen Raum fragte, da war Dr. Andreas Hüser der verantwortliche Archäologe. Mittlerweile ist er Leiter der Archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven und des Museums Burg Bederkesa, und er war Referent eines Vortragsabends im Forum der Ostfriesischen Landschaft, den Landschaftsbibliothek und das Niedersächsische Landesarchiv Abteilung Aurich gemeinsam veranstalteten.
Hüser hatte einiges zu berichten. Denn die Fundsituation in beiden Festungen erwies sich als außerordentlich ergiebig. Die sogenannten Dieler Schanzen – ein gut 2,5 Kilometer langer Komplex, der zwischen 1580 und 1672 aus mehreren Befestigungsanlagen, Wällen und Gräben ausgebaut wurde – habe allein militärischen Zwecken und der Grenzsicherung in den unruhigen Zeiten des 80-jährigen Krieges gedient. Die Festung Leerort dagegen schützte vor allem das Schloss, in dem Verwaltungseinrichtungen ihren Sitz hatten. Hüser vermutet, dass das Gebäude von 1501, das 1550 noch einmal architektonisch verändert wurde, nachdrücklich auf die Macht der Cirksena verweisen sollte.
Was wurde gefunden? Vieles, das vor allem auf eine stramme Hierarchie hindeutet. Obwohl das Schloss in Leerort geschleift wurde, habe man noch genügend qualitativ hochwertiges Material gefunden: aufwändig verzierte Kacheln, exklusive Trinkgläser, kostbare Intarsien, solides Steinzeug, Schuhleder, das so gut erhalten war, dass sich Nachbildungen anfertigen ließen – alles habe auf den hohen Rang der herrschaftlichen Bewohner verwiesen, sagte Hüser. Dass es einen Unterschied zwischen Soldaten und Offizieren gab, wurde auch anhand der in den Dieler Schanzen gefundenen Tierknochen deutlich. Während in der Nähe der Mannschaftsunterkünfte vor allem Schlachtüberreste von älteren Tieren auftraten, waren die Knochen in den Offiziersunterkünften jüngeren Tieren zuzuordnen. Außerdem fanden sich hier Reste von edlem Wild, besonderen Fischen und Geflügel.
Bei den Dieler Schanzen entdeckten die Archäologen auch Kanonen- und Bleikugeln sowie schwere Mörsergranaten von 30 Zentimetern Durchmesser, vier Zentimetern Wandstärke und 60 bis 80 Kilo Gewicht. Die Befürchtung, die Geschosse seien womöglich noch schussbereit, erwiesen sich als falsch. Aber dennoch wollten die Archäologen wissen, welche Wirkung der Abschuss eines solchen Mörsers hat. Eine Wehrtechnische Dienststelle füllte einen Mörser mit Schwarzpulver. Die Detonation war so gewaltig, dass das Geschoss platzte. Die Bruchstücke verteilten sich über einen Umkreis von 200 Metern und machten deutlich: „Die Dinger sind völlig unberechenbar.“
Das 555-seitige Buch „Dieler Schanze und Festung Leerort. Studien zum Festungsbau in Ostfriesland“ wurde von der Archäologischen Kommission Niedersachsen e.V. herausgegeben. Erschienen ist es im Verlag Marie Leidorf GmbH. Gefördert wurde das Projekt: vom Land Niedersachsen, dem Landkreis Leer, der Ostfriesischen Landschaft, der Sparkasse LeerWittmund, dem Interreg-Programm, der Stadt Weener. ISBN 978-3-89646-943-4. Das Buch kostet 79,80 Euro und ist über den Handel zu bekommen.
Bildunterschrift: Archäologen ergraben die Festung Leerort: das symbolische Bild kombiniert eine historische Darstellung der Stätte mit der aktuellen Situation von 2010 bis 2013