Wie eine Wundertüte

Das 34. Konzert der „Gezeiten“ stellte mit Ettore Prandi einen zeitgenössischen Komponisten im Porträt vor

Das Ensemble vor dem Eingang der Kunsthalle: Hornist Tomás Figueiredo, Sopranistin Lilia-Fruz Bulhakova, Bratscher Lucas Schwengebecher, Geigerin Johanna Röhrig, Komponist, Pianist und Dirigent Ettore Prandi sowie Pianist Matthias Kirschnereit
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Karlheinz Krämer

Das Ensemble vor dem Eingang der Kunsthalle: Hornist Tomás Figueiredo, Sopranistin Lilia-Fruz Bulhakova, Bratscher Lucas Schwengebecher, Geigerin Johanna Röhrig, Komponist, Pianist und Dirigent Ettore Prandi sowie Pianist Matthias Kirschnereit

Emden. Das Atrium der Kunsthalle Emden ist traditionell der Ort, an dem das Festival hochmodern wird – so aktuell, dass es beim diesjährigen 14. Durchgang der Gezeitenkonzerte allein vier Uraufführungen des Komponisten Ettore Prandi gab. Prandi gestaltete mit fünf Musikerkollegen einen Kammermusikabend, der neben Instrumentalmusik auch Gesangsbeiträge enthielt. Moderiert wurde der Abend von Raoul-Philip Schmidt, dem organisatorischen Leiter der Gezeitenkonzerte, der Prandi zu den Hintergründen seiner Musik befragte.

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Da war das Publikum noch nicht im Saal: Raoul-Philip Schmidt fotografiert das kleine Ensemble und wird selber dabei abgelichtet.

Da war das Publikum noch nicht im Saal: Raoul-Philip Schmidt fotografiert das kleine Ensemble und wird selber dabei abgelichtet.

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Prandi nutzt für seine Kompositionen Volksliedhaftes aus vielen Kulturen, mixt mit Naturtönen, richtete den künstlerischen Blick gerne nach Norwegen, hat beruflich großen Respekt vor Johann Sebastian Bach („Unerreichbar!“) und – da er in Hamburg lebt – einen Bezug zu Johannes Brahms. Seine Musik jedoch ist höchst eigenständig und prägnant, dabei sehr nahbar. Und gerade die sanglichen Titel sind geradezu hinreißend. Sopranistin Lilia-Fruz Bulhakova ist Krimtatarin. Und diese krimtatarische Sprache, die anders ist als das Ukrainische, nutzt Prandi auch in seinen Liedern. Wie vorteilhaft, wenn ein Native Speaker diese Lieder so brillant und mit so wunderschöner Stimme vortragen kann. Die „Krimtatarische Rhapsodie“ war ein kleiner Zyklus für Gesang und Bratsche, in dem sich Existentielles zusammenfand – Verzweiflung, Sehnsucht. Hoffnung sind wie flüchtige Gedanken in musikalische Form gebracht.

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Geigerin Johanna Röhrig, Pianist Ettore Prandi und Hornist Tomás Figueiredo konzertierten auf höchstem Niveau

Geigerin Johanna Röhrig, Pianist Ettore Prandi und Hornist Tomás Figueiredo konzertierten auf höchstem Niveau

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Matthias Kirschnereit, künstlerischer Leiter der Gezeitenkonzerte, hatte Ettore Prandi bei den Proben zu einem Konzert kennengelernt. Er spielte Mozart, Prandi stellte seine 2. Sinfonie vor. „Wir hatten mehrere Verknüpfungspunkte – unter anderem wohnen wir beide in Hamburg“, berichtete Kirschnereit, der das Konzert mit der Bagatelle „An die verlorene Zeit“ eröffnete. Es ist ein Stück, das Prandi für die CD „Time remembered“ geschrieben hat, die Kirschnereit 2023 herausbrachte.

Kirschnereit war auch für das letzte Stück des Abends im Einsatz – die 3. Sonate für Klavier, ein Stück, das ihm „auf den Leib“ komponiert wurde. Es ist ein Stück über gemeinsame Erinnerungen, die Prandi, selber Pianist, aber derart verklausuliert hat, dass selbst der Pianist „diese Zitate nicht gleich entdeckt hat“. Es ging dabei um ein namibisches Volkslied und Mozarts A-Dur Klavierkonzert. Gerade der letzte Satz „Variationen“ boten dabei einen raffinierten Trick, indem nämlich das Thema, das variiert wird, in diesem Fall an die letzte Stelle rückte und damit eine ungewöhnliche „Auflösung“ brachte. Kirschnereit ging souverän mit einer Musik um, die sich nicht einschmeichelt, sondern Charakter vermittelt.

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 Wunderbare Gesangsbeiträge: Sopranistin Lilia-Fruz Bulhakova und ihr Partner, der Bratscher Lucas Schwengebecher

Wunderbare Gesangsbeiträge: Sopranistin Lilia-Fruz Bulhakova und ihr Partner, der Bratscher Lucas Schwengebecher

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Bemerkenswert, wie die Instrumentalisten mit den Herausforderungen der zeitgenössischen Musik umgingen. Technische Schwierigkeiten schienen sich im fortlaufenden Fluss der Musik aufzulösen. Komplexe Rhythmen wurden mit Leichtigkeit bewältigt. Virtuose Fähigkeiten waren die Regel, nicht die Ausnahme. Und die Auswahl der Instrumente? Da schreibt Prandi eine Sonate für Geige, obwohl er selber nicht spielt, aber die technischen Möglichkeiten des Instrumentes sich durch „etwas Unterricht“ aneignet – und dann auch gleich loslegt.

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 Können gut miteinander: Ettore Prandi und Matthias Kirschnereit

Können gut miteinander: Ettore Prandi und Matthias Kirschnereit

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Wie in jedem Jahr ist das Komponistenporträt ein Angebot, das nicht die Massen anzieht, aber das Atrium der Kunsthalle war sehr gut gefüllt, und die Besucher lauschten aufmerksam, was es an zeitgenössischen, musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Das Feld, das weiß man nach einem guten Dutzend Jahren, ist erstaunlich breit. Somit hat der Konzertbesuch etwas vom Öffnen einer Wundertüte. Enttäuscht wird man nie. Dieses Mal entwickelte sich mit der Sopranistin Lilia-Fruz Bulhakova, der Geigerin Johanna Röhrig, dem Bratscher Lucas Schwengebecher, dem Hornisten Tomás Figueiredo sowie Ettore Prandi selbst ein vielseitiger Kammermusikabend auf höchstem Niveau.

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Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.