Wittmund und die Kunst

Die Kreisstadt im Harlingerland als Stadt der Kunst

Kunst in Wittmund
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Walter Ruß

Manchmal genügt ein Slogan, um eine Stadt in ein Bild zu rücken – doch Wittmund entzieht sich solchen Schablonen. Einst schmückte sie sich mit dem wohligen Etikett „Die gemütliche Ostfriesenstadt“, heute ruft sie selbstbewusst „Wir sind Wittmund!“. Doch was verbirgt sich hinter diesem Ausruf? Mehr als nur ein Name oder ein Gefühl: Wer Wittmund wirklich ist, lässt sich nicht in einen Satz pressen, sondern offenbart sich in überraschenden Details, verborgenen Geschichten und einer eigenwilligen Kunstlandschaft, die darauf wartet, entdeckt zu werden.

Neben vielem anderen ist die Kreisstadt im Harlingerland eine Stadt der Kunst. Wen diese kühne Aussage überrascht, war entweder noch nicht dort oder hat sein Augenmerk noch nicht auf das gerichtet, was Wittmund zu bieten hat. Zugestanden sei, dass dieses Thema bisher nur unzureichend zur Sprache und in die Öffentlichkeit gebracht wurde.

Wer in Walter Baumfalks unverzichtbarem Lexikon ostfriesischer Künstler und Künstlerinnen blättert, stößt immer wieder auf die Namen derer, die einst in Wittmund ihrer künstlerischen Tätigkeit nachgingen und Wittmund als Ausgangspunkt intensiven künstlerischem Engagements kennzeichneten.

Namen wie Carola Timmermann, die sich vor allem der von ihr verstandenen heimatlich ostfriesischen Kunst verpflichtet fühlte, Christian Eisbein, Schöpfer der kleinen Keerlke Figur, die als Preisfigur beim Keerlke Preis von Oostfreeske Taal in Leer dient, Conrad „Conny“ Schwitters, Carla Zierenberg, lange Jahre die Grand Dame der Harlingerländer Kunstszene und Initiatorin der HarleKunst Ausstellung, sowie Harry Fisch und sein Freund Jürgen Müller Düring, dessen Werk 2024 anlässlich seines 100. Geburtstages in einer großen Retrospektive gewürdigt wurde, gehören ebenso zu diesem Gefüge wie Karl Bösch, lange Zeit als der Wittmunder Künstler schlechthin angesehen. Und selbst Kurt Schwitters, der berühmte Dadaist und konkrete Lyriker, dessen Name heute einen Platz ziert, an dem das Rathaus steht, entstammt einer in Wittmund ansässigen Familie, obwohl er die Stadt wohl nie persönlich besucht hat.

Daneben gehören – von der interessierten Öffentlichkeit weitgehend noch unentdeckt – zwei in Wittmund geborene Künstler zu diesem Gefüge, die ein tragisches Schicksal erlitten: Josefa Egberts, 1941 im Rahmen der NS Euthanasie ermordet, und Heinrich Janssen, 1915 im Alter von 22 Jahren in der Champagne gefallen.

Was all diese Vertreter der Kunst in Wittmund eint, ist, dass es noch keinerlei Ort der Präsentation und dauerhaften Ausstellung in der Stadt gibt. Der kunstinteressierte Besucher der Stadt findet also den Weg zu diesen Künstlerinnen und Künstlern nicht, weil es diesen noch nicht gibt. Nur in Baumfalks Lexikon finden sich die zusammenführenden Hinweise, die es erlauben, den Lebenswegen und Arbeiten dieser Künstler zu folgen.

Es ist und bleibt eine Aufgabe der Zukunft, diesen Begegnungsort zu schaffen. Die nach Karl Bösch und Kurt Schwitters benannten Plätze in der Stadt sind im Moment noch die einzigen Orte, an denen man zumindest durch die Nennung der Namen an das Kunstgeschehen in der Stadt erinnert wird.

Mitten in der Stadt, unmittelbar hinter dem massiven Bau der Nicolai Kirche und neben einer Boule Spielfläche, steht eine schwere, schwarze Tür mit einer goldenen Drei. Bei ihrer Installation 2023 bezeichnete das Künstlerduo thandsome – Annika Kuchenbecker und Thorsten Maruhn aus Delmenhorst – dieses Objekt als Wittmunds „Tür zur Kunst“. Tatsächlich gehört die Tür zu einer Installation, die bereits 2022 Teil des Ausstellungsprogramms der HarleKunst in Carolinensiel war; nach dem Ende der Schau wurden weitere Türen am Strand von Harlesiel und sogar in den schottischen Highlands aufgestellt.

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Zwei Kunstwerke in Wittmund: eine schwarze Tür und eine Skultpur
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Walter Ruß

Die Tür in Harlesiel wurde zu einem beliebten Fotomotiv für Touristen und Fotofreunde. Mittlerweile stehen zwei weitere Exemplare an der Ostsee und weit entfernt im ägyptischen Marsa Alam am Roten Meer. Im Mai soll eine weiße Tür an der Harle beim Gulfhof Fahnhusen aufgestellt werden. Der Blick durch die Tür und vor allem das Durchschreiten verbindet die verschiedenen Standorte miteinander und mit dem Ausgangspunkt Wittmund.

Seit Ende der 1990er Jahre prägt die „Kunstmeile“ das Stadtbild Wittmunds: entlang der Umgehungsstraße und im inneren Stadtbereich sind eindrucksvolle Metallskulpturen zu entdecken, deren Entstehung maßgeblich auf den Bildhauer Leo Wübbena und den damaligen Stadtdirektor Dr. Theodor Uebelhoer zurückgeht. Neun großformatige, teils mächtige, teils filigrane Arbeiten renommierter Künstler – darunter Werke von Albert Bocklage aus Vechta und Jens Wittenburg aus Karlsruhe sowie mehrere Skulpturen von Leo Wübbena selbst – laden Besucherinnen und Besucher ein, Wittmunds öffentliche Räume neu zu lesen.

Als Leo Wübbena, inzwischen in seinen achtziger Jahren, die Schließung seines langjährig gemeinsam mit seiner Frau betriebenen Skulpturenparks in Funnix ankündigte, reagierten Dirk Gronewold, Vorsitzender des Wittmunder Heimatvereins, sowie Gritje Peters und Henning Janssen vom Freundeskreis Schlosspark mit großer Tatkraft: Sie initiierten den Ankauf ausgewählter Werke, um sie im idyllischen Schlosspark neu zu verorten und der Stadt damit einen attraktiven Kunstort zu schaffen. Die Aktion ist noch nicht abgeschlossen, sodass sich interessierte Gäste weiterhin auf weitere Installationen und Entdeckungen freuen dürfen.

Wittmund, die gemütliche Ostfriesenstadt im Harlingerland, birgt mehr, als ihr vertrautes Image vermuten lässt. Vieles davon blieb bislang zu wenig sichtbar. Zugleich arbeitet die Stadt mit Kreativität und Beharrlichkeit daran, aus ihrem eigenen Schatten zu treten und sich neu auf ihre künstlerische Vergangenheit und Zukunft zu besinnen. So zeigt sich Wittmund als Ort des Wiederentdeckens und der leisen Erneuerung – so ist Wittmund.
 

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Walter Ruß

If you built it, it will come.

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.