Wo Erde und Feuer zu Stein werden

In Jemgum ist eine Ausstellung mit Bildern „aus der Ziegelei“ eröffnet worden, die an die Bedeutung eines verlorenen Wirtschaftszweiges erinnert

Die Ausstellung als Treffpunkt und Gesprächsanlass
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Die Ausstellung als Treffpunkt und Gesprächsanlass

Jemgum. Wenn sich ein bildender Künstler, ein Fotograf und eine Grafikerin zusammentun, dann entsteht ein Ideen-Pool, der sich in Jemgum einem speziellen Thema zugewandt hat – der Ziegelei. Aus drei Richtungen nähern sich Ulrich Schnelle, Lutz-D. Weiss und Sarah Hensmann diesem Wirtschaftszweig an und kreieren eine Ausstellung „Erde Feuer Stein. Vom Klei zum Klinker – Bilder aus der Ziegelei.“ Ausgestellt sind die Arbeiten im Bürgerhaus Jemgum, wo die Impressionen und Bearbeitungen historischer Ansichten bis zum 23. August zu sehen sind.

Bild
Vereinsvorsitzender Walter Eberlei konnte bei der Eröffnung ein große Menge interessierter Gäste begrüßen

Vereinsvorsitzender Walter Eberlei konnte bei der Eröffnung ein große Menge interessierter Gäste begrüßen

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Das Bürgerhaus, das ehemalige Jemgumer Amtshaus, ist rund 200 Jahre alt und frisch saniert. Der Veranstaltungsbetrieb wird über einen Verein mit ehrenamtlich Tätigen realisiert. Vorsitzender Professor Dr. Walter Eberlei machte bei der Eröffnung der Ausstellung, die vor überfülltem Haus stattfand, deutlich, welche wirtschaftliche Bedeutung die Zieglerei einst über Jahrhunderte für Ostfriesland hatte. Er selber ist mit dem Thema vertraut, denn Eberlei stammt aus einer Schiffer-Familie im Fehngebiet, die den Lebensunterhalt mit der Lieferung von Torf für den Brand der Ziegel erarbeitete. 

Bild
Blickfänge: Bilder aus der Ziegelei in Midlum (Ulrich Schnelle)

Blickfänge: Bilder aus der Ziegelei in Midlum (Ulrich Schnelle)

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger


Historiker Dr. Paul Weßels erinnerte in seiner Einführung daran, dass die Ziegeleien des Rheiderlands um 1500 entstehen – nicht zuletzt durch den Aufstieg der Stadt Emden, der einen enormen Bedarf an Steinen nach sich zog. Material war genug vorhanden, doch weigerten sich die Ostfriesen, mit ihm zu arbeiten. „Sie betrachteten das als Sklavenarbeit“, sagte Weßels und verwies darauf, dass es die Lipper waren, die den Umgang mit dem ostfriesischen Klei beherrschten und daraus Ziegel fertigten. Ende des 18. Jahrhunderts habe es mehr als 30 Ziegeleien gegeben. Das Ende kam mit der Industrialisierung, als die Manufakturen mit dem Zwang zu Anschaffungen konfrontiert wurden, die sie nicht finanzieren konnten. Ringöfen, die mit Gas betrieben wurden, bedeuteten eine Rieseninvestition, betonte Weßels.

Bild
Experte für die rheiderländer Ziegeleien: Historiker Paul Weßels

Experte für die rheiderländer Ziegeleien: Historiker Paul Weßels

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Der Jemgumer Ziegeleibesitzer Georg Reins stemmte sich gegen ein Aus und wagte den Schritt in die Moderne. Doch auch er musste 2008 schließlich aufgeben. Seine derzeit im Abbruch befindliche Ziegelei liegt nur wenige Schritte vom Bürgerhaus entfernt – quasi in Sichtweite der Ausstellung. Das Ende des Gewerbes ist auch in der Ausstellung dokumentiert: durch kleine Steinfragmente vom Ziegelei-Gelände, die in Sammelkästen arrangiert sind.

Bild
Sie stellen aus: Sarah Hensmann, Ulrich Schnelle und Lutz D. Weiss

Sie stellen aus: Sarah Hensmann, Ulrich Schnelle und Lutz D. Weiss

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von w

Wie kam es zur Ausstellung? „Wir wollten verlassene Industriebrachen fotografieren“, sagt Ulrich Schnelle. Er ist mit dem Fotografen Lutz-D. Weiss befreundet, seit dieser in Schnelles Atelier in Boen ausgestellt hat. So war das Zweigespann schon mal zusammen. Sarah Hensmann ist gebürtige Jemgumerin, die Grafik- und Kommunikationsdesign studiert hat. Sie lebt mittlerweile wieder in Jemgum und hat das Corporate Design für das Ziegeleimuseum Midlum, das sich mit seinem charakteristischen Ringofen als einziges Gebäude dieser Art erhalten hat.

Bild
Da muss man den Blick genau ausrichten: künstlerische Ansicht aus der Ziegelei

Da muss man den Blick genau ausrichten: künstlerische Ansicht aus der Ziegelei

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

So war das Thema gefunden. Zwei Tage lang verbrachten Schnelle und Weiss im Ziegeleimuseum, fotografierten und schufen so die Basis für ihre künstlerische Arbeit, die nun im Bürgerhaus zu begutachten ist. Viele ihrer Arbeiten zeigen Überblendungen verschiedener Motive, andere zeigen sich detailversessen und sind fixiert auf Schrauben, Zahnräder oder Stein-Porträts. Sarah Hensmann hat Motive in Siebdrucke übersetzt und deutet mit einer sepiafarbenen Bildfläche den historischen Charakter der Darstellungen an. Mit der Besichtigung hat der Besucher zugleich die Gelegenheit, das weitläufige Haus des Bürgervereins zu erkunden, denn die Bilder sind über alle Räume verteilt. Dabei steigen sie über eine originale Treppe des 19. Jahrhunderts ins Obergeschoss – wenn sie denn das Angebot, den Lift zu benutzen, verschmähen.

⏵     Die Ausstellung im Bürgerhaus Jemgum, Oberfletmerstraße 39, ist mittwochs und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Wolfgang Mauersberger

(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events

In diesem Beitrag erwähnt

Soziokultureller Ort

Bürgerhaus Jemgum

Een Huus för uns all

Adresse
Oberfletmer Straße 39, Jemgum

Ulrich Schnelle

Bildender Künstler

SARAH M. HENSMANN

Kunst mit Herz und Heimat.

Holzschnitt Ausstellung Erde Feuer Stein

Ausstellung "Erde Feuer Stein – Vom Klei zum Klinker"

Bilder aus der Ziegelei – Große Sommerausstellung

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.