Zwischen Natur und Tradition

Mein Besuch bei Nic Schaatsbergen

Blick ins Atelier von Nic Schaatsbergen
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Sarah Byl

Blick ins Atelier von Nic Schaatsbergen

Angetrieben durch die Leidenschaft für die Kunst meiner Heimat und das Vorhaben, die Akteur:innen der regionalen Kunst- und Kulturszene Ostfrieslands persönlich zu besuchen, führte mich mein Weg dieses Mal nach Dornum zu der Künstlerin Nic Schaatsbergen. Etwas außerhalb des Dorfes, umgeben von Feldern und Wiesen, erwartete mich eingerahmt von viel wildem Grün der Ort, an dem die Künstlerin gemeinsam mit ihrer Familie, Leben und Kunst vereint. Abseits des Trubels empfängt mich hier eine geborgene, schützende Atmosphäre, in der fühlbar ein Refugium der Ruhe zum kreativen Arbeiten geschaffen wurde.

Das Besondere an den Arbeiten von Schaatsbergen ist ihr gewählter Werkstoff: Backstein. 
Für Ostfriesen:innen ein bekanntes und in der regionalen Architektur allgegenwärtiges Material. In der regionalen Kunst hingegen ein Solitär. 
Den Stellenwert des Klinkers für die Region erkannte auch Nic Schaatsbergen als sie im Jahr 2000 in Ostfriesland heimisch wurde. Es dauerte allerdings noch einige Jahre, bis sie 2022 während ihres Diplomstudiums in der Bildhauerei den Backstein zum Medium ihrer Wahl machte.

Beim Betreten des von Tageslicht durchfluteten Ateliers, in einem Teil des ehemaligen Scheunentraktes, lässt man ganz automatisch seinen Blick durch das große Fenster hinaus ins Grüne schweifen. Die freie Natur, nicht bezwungen sondern voller Energie, setzt sich im Inneren des Ateliers fort. 
Egal wohin ich auch schaue, sehe ich gesammelte Objekte und Fragmente:  Muscheln, Abbruchstücke bereits gefertigter Skulpturen, Blätter, Holz, Äste, Beton, Eisenstangen, Baumaterial vom Umbau des Bauernhauses, alte Ziegel und vieles mehr. Ebenso warten an diesem Ort begonnene Skulpturen auf neue Impulse. Alles sorgfältig aufbewahrt und bereit für zukünftige Ideen. 
All diese Objekte, diese Versatzstücke, befinden sich nicht nur physisch im Atelier von Nic Schaatsbergen, sondern auch in dem Fundus in ihrem Kopf. Jedes zu seiner Zeit bewusst ausgewählt, mit dem Wissen, dass sich, wenn auch erst nach Jahren, die richtige Verwendung zeigen wird. So kann ein neues Objekt plötzlich die perfekte Lösung für eine Skulptur liefern, die bis heute in ihrem Herstellungsprozess verharrt.

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Hundefigur aus Klinker

Hundefigur aus Klinker

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Am Tag meines Besuchs war die Produktion einer Hundefigur in der klassischen Backsteinbildhauerei gerade in Arbeit. Das bedeutet, dass die Klinker in Rohform aufgemauert und die Skulptur herausgeschnitzt wird - ein sehr zeitaufwendiger Prozess. Anschließend werden die Rohlinge kontrolliert getrocknet, wieder abgemauert, nummeriert und weiter getrocknet. Schließlich kommen sie zur Ziegelei, wo sie im Hochofen gebacken werden. Nach erfolgreichem Brand werden alle Teile wieder aufgemauert – entweder mit stark sichtbarer oder minimaler Fuge. Nicht selten kommen die Rohlinge gesprungen aus der Ziegelei zurück, dann müssen sie repariert oder durch Modellierbeton ersetzt werden. 

Neben dieser Arbeitsweise kreiert Schaatsbergen auch Werke, die direkt aus dem Rohmaterial des Ziegels modelliert werden. Dieser Prozess ist etwas schneller als das Schnitzen, bietet aber je nach Form Risiken beim Trocknen und Brennen. Veränderungen und das Mitspracherecht des Materials, wie Abplatzungen oder Risse, werden dabei immer mitgedacht und sogar erwartet. Mit Gelassenheit wird hierauf reagiert und ein neuer Weg entsteht. 

Als Folge der Bildhauerei verwendet Schaatsbergen seit geraumer Zeit gebrannte Ziegel auch als Druckplatten. Diese Technik erweitert ihr grafisches Werk, das sich durch die Verwendung eines hellen gelb-grünen Farbtons mit immenser Leuchtkraft auszeichnet. 
Zu Beginn einer neuen Arbeit - vor allem einer skulpturalen - geht Schaatsbergen sehr konkret vor. Aus einer Idee entwickelt sie zunächst das Konzept, dann folgen Zeichnungen und genaue Maße. Die Hauptmotive ihrer Werke sind meist Frauenfiguren, Köpfe, Tiere, sowie Fabel- und Fantasiewesen. 
Diese Motivik schlägt einen Bogen zu einer weiteren Tätigkeit, die sie gemeinsam mit ihrem Mann ausübt:  Die Gestaltung von Betonmasken in der Tradition der Greenmen. Dabei handelt es sich um eine aus Europa stammende Symbolfigur – meist ein von Blättern umranktes oder aus Pflanzen hervorgehendes Gesicht –, die seit dem Mittelalter als Sinnbild für Natur, Fruchtbarkeit und Erneuerung gilt.

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Bruchstücke und Klinkerigel

Bruchstücke und Klinkerigel

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Da eben diese Aspekte auch Teil ihres Kunstverständnisses sind, hat Nic Schaatsbergen für sich den passenden Beinamen Greenwoman gewählt. In ihren Werken verschmelzen diese tiefe Verbundenheit mit und die Liebe zur Natur mit der Tradition des verwendeten Werkstoffs und der „Wieder“-Verwendung von natürlichen Materialien. 
Unter den von Nic Schaatsbergen geschaffenen Skulpturen werden Sie so gut wie keine glatten Oberflächen finden. Uneben, grob, mit Lücken und Rissen, wirken sie immer zusammengesetzt. 
Aus bereits Vorhandenem schafft Schaatsbergen Neues. Ihre individuelle Zusammensetzung weist den Objekten, dem Material einen neuen Kontext zu. Sie bewahrt die Tradition und Eigenheit jedes einzelnen Elements und flüstert ihnen durch den künstlerischen Prozess ein liebevolles „Du kannst noch mehr“ zu.   

Ausstellungshinweis: Nic Schaatsbergen, „Körper“ Bildhauerwerke aus Backstein, im Künstlerhaus Hooksiel, 27.09. – 01.11.2026

© Sarah Byl
 

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Sarah Byl

Ihre Kunst. Meine Leidenschaft

In diesem Beitrag erwähnt

Nic Schaatsbergen

Greenwoman arts & crafts

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.