Der Präsident, ein Otto-Jodler und viel Herz

Die Kunsthalle feierte ihren 40. Geburtstag mit dem Bundespräsidenten, dem niedersächsischen Ministerpräsidenten, vielen weiteren Politikern und hunderten geladenen Gästen

Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender in der Kunsthalle
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender in der Kunsthalle

Emden. Vor dem Festspielhaus am Wall stauen sich die Menschen. Eine sehr lange Schlange wartet geduldig auf den Einlass. Auf Wunsch von Eske Nannen sind die Emder Samba-Trommler der Band „Absurdo“ angetreten, um schwungvolle Unterhaltung zu bieten. Ausweise sollten bereitgehalten werden, heißt es in den Anweisungen, die die Gäste im Vorfeld des Kunsthallen-Geburtstages erreicht haben. Aber es geht schnell, schon hat man seine Sitzplatz-Nummer in Händen und ist drin im großräumigen Foyer des Hauses, wo der Geräuschpegel hoch ist. Rund 600 Menschen erzeugen einen nachdrücklichen Sound.
 

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Traten vor dem Festspielhaus auf: Samba Absurdo

Traten vor dem Festspielhaus auf: Samba Absurdo

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Und? Wo ist er nun, der Bundespräsident? „Noch in der Kunsthalle“, sagte die Sprecherin des Museums, Ilka Erdwiens. Frank-Walter Steinmeier, seine Frau, Familie Nannen, Oberbürgermeister Tim Kruithoff und die drei Direktoren der Kunsthalle flanieren durch die Geburtstags-Ausstellung „Bilder, die wir lieben“. Draußen schützt ein großes Polizeiaufgebot das Staatsoberhaupt. Drinnen dürfen Fotografen nur an zwei „Fotopoints“ warten, um ein paar Aufnahmen zu machen.

Vor 40 Jahren war das etwas anders. Am 3. Oktober 1986 war Richard von Weizsäcker zur Eröffnung der Kunsthalle in Emden. Er verschmähte das Auto, trank zunächst Tee im Rathaus und spazierte dann zur Begeisterung der Ostfriesen, die ihm das Geleit gaben, hinüber zur Kunsthalle – Hände schüttelnd, kurze Gespräche führend.

Das tut Frank-Walter Steinmeier auch, aber im geschützten Raum des Festspielhauses am Wall. Offensichtlich gut gelaunt, begrüßt er nach dem Festakt Bekannte, Fremde und Weggefährten, gibt Autogramme und hat nur einen Wunsch – etwas zu trinken. Seine Personenschützer lassen den Präsidenten nicht aus den Augen, aber es gibt keinen Anlass zum Einschreiten. Alles verläuft gelassen und sehr freundlich. Das war schon so, als das Staatsoberhaupt, begleitet von seiner Frau Elke Büdenbender, das Haus betrat. Die Besucher standen von ihren Plätzen auf, applaudierten und schufen so ein herzliches Ambiente. 
 

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Drei Redner: Kunsthallenstifterin Eske Nannen, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kunsthallendirektorin Ina Grätz

Drei Redner: Kunsthallenstifterin Eske Nannen, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kunsthallendirektorin Ina Grätz

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Die Veranstaltung ist geprägt von Wertschätzung. Sie ist kurzweilig, arbeitet mit verschiedenen Medien und bietet flotte Jazzmusik der 80er Jahre, gespielt von einem jungen Quartett der Musischen Akademie. Eske Nannen betritt die Bühne, schaut ins Publikum, merkt an: „Alles sehr aufregend, muss ich sagen“ und erntet erste Lacher. Sie spricht von 180 Ausstellungen in 40 Jahren, darunter die bisher erfolgreichste: Edvard Munch mit 120 000 Besuchern in drei Monaten. Sie erinnert an die Anfänge: die Ausstellung „Russische Malerei heute“ im Festsaal des Emder Rathauses. Der große Erfolg dieser Präsentation sei Motivation für die Gründung der Kunsthalle gewesen. Nun, 40 Jahre nach der Eröffnung des Hauses, stünde man vor dem fünften Bauabschnitt.

Frank-Walter Steinmeier, der Literaturzitate einbindet und so Anleihen bei Alexander Kluge, bei George Pompidou und Thomas Bernhard macht, charakterisiert den Stern-Gründer Henri Nannen in der Begrifflichkeit zwischen Lebenszeit und Eigensinn. Nannen habe seine Lebenszeit ausgeschöpft, und der Eigensinn sei ihm mehr als vertraut gewesen. Er habe den „wundervollen Raum der Kunst“ als Geschenk hinterlassen. Doch dann lenkt Steinmeier den Blick auf Eske Nannen, die er mehr als 30 Jahre lang kenne. Sie engagiere sich „mit Herz und Verstand“. Ohne sie wäre die Kunsthalle nicht ein so großer Erfolg geworden. Sie sei „mehr als nur die Seele des Hauses“.
 

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Journalist Paul Ronzheimer im Gespräch mit Oberbürgermeister Tim Kruithof und Ministerpräsident Olaf Lies

Journalist Paul Ronzheimer im Gespräch mit Oberbürgermeister Tim Kruithof und Ministerpräsident Olaf Lies

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Warum Tim Kruithoff die Emder Amtskette nun doch umgelegt habe, wollte anschließend Journalist Paul Ronzheimer in einer kleinen Gesprächsrunde vom Oberbürgermeister wissen? Die Tatsache an sich hatten die Gäste beim Eintreten des OB in den Saal schon mit Applaus honoriert. Man habe das von ihm beanstandete Kaiserbildnis, das Kruithoff ja auf keinen Fall tragen wollte, von einem Goldschmied entfernen lassen. Nun könne sich jeder vorstellen, was er in der Leerstelle sehen wolle. Und seine Erinnerungen an die Kunsthalle? Die liefen über Heiner Altmeppens „Norddeutsche Landschaft“. Die hatte Kruithoff bei einem Kunsthallenbesuch mit seiner Schulklasse entdeckt und einen einfachen Druck ins heimische Zimmer gehängt. Gedanken aber auch an Eske Nannen. Die habe ihm nach seiner Wahl einen Ordner im Kunsthallenblau überreicht - mit Vorschlägen zum Abarbeiten.
 

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Mittenmang: der Bundespräsident war als Gesprächspartner heiß begehrt

Mittenmang: der Bundespräsident war als Gesprächspartner heiß begehrt

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Emden wieder Marine-Standort? Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies meint: „Nur Emden kommt in Frage!“ Emden als Gastgeber der Maritimen Konferenz? „Wir wollen, dass die Seehafenstadt sich weiter entwickelt!“ Wie geht es mit VW weiter? „Die Zukunft wird elektrifiziert sein!“ Wird VW in Emden bleiben? „Ja“, sagt Lies – und erntet einen spontanen Bravo-Ruf!

Dass die Kunsthalle „Kein Tempel, sondern ein Ort der Begegnung“ sei, macht Ina Grätz in ihrem Beitrag deutlich. Die wissenschaftliche Direktorin, die die Aufgaben gemeinsam mit Silke Oldenburg in Händen hat, betont, dass man mit dem Ausstellungstitel eine Hommage an die Nannen-Ausstellung „Bilder, die ich liebe“ von 1988 beabsichtigt habe. Der Titel stehe für eine Haltung, aber aus dem „Ich“ sei nun ein „Wir“ geworden. Die Kunsthalle sei im übrigen mit dieser Ausstellung das erste Museum, das seine Öffnungszeiten den Gezeiten anpasse. Immer wenn Hochwasser einsetze, sei die Kunsthalle bis in den Oktober hinein immer um eine Stunde länger geöffnet.
 

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Ganz zu Anfang: Frank-Walter Steinmeier in der Kunsthalle

Ganz zu Anfang: Frank-Walter Steinmeier in der Kunsthalle

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Das letzte Wort beim Festakt hatte ein Emder Urgestein. Otto Waalkes übermittelte Glückwünsche in gewohnt flotter Weise und versetzte sie mit einem schrillen Otto-Jodler. Nach dem Empfang – der Bundespräsident ist schon weg – da gibt es bei Kartoffelsuppe und Häppchen wieder enorm viele Gespräche. Man hat ja schließlich in den vergangenen Stunden allerhand erlebt.

 

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Wolfgang Mauersberger

(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events

In diesem Beitrag erwähnt

Museum

Kunsthalle Emden

Kunst der Moderne und der Gegenwart

Adresse
Hinter dem Rahmen 13, Emden
Multifunktionaler Ort

Festspielhaus am Wall

Adresse
Theaterstraße 5, Emden

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.