Du bist doch ein schönes Mädchen, warum willst Du noch schöne Bilder malen?
Das erste Oktober-Wochenende in der Kunsthalle Emden stand unter dem Motto: „Rebellinnen – Wild, unverschämt und unerhört: Pionierinnen der 1970er und 1980er Jahre“
Emden. Das VHS-Forum war gefüllt, als am 40. Geburtstag der Kunsthalle Emden ein kurzer, neu konzipierter Film – ein Geschenk der Freunde der Kunsthalle – die vierzigjährige Erfolgsgeschichte in beeindruckenden Bildern skizzierte. Da standen historische Filmaufnahmen mit Heri Nannen neben Impressionen aus früheren Ausstellungen und Statements vom heutigen Leitungsteam der Kunsthalle.
Eske Nannen begrüßte die Gäste. In bewegenden Worten erzählte sie von den Anfängen, als sie gemeinsam mit Henri Nannen die Pläne zum Bau einer Kunsthalle in Emden entwickelte. „Das war ein Wechselspiel zwischen Glücksgefühl und Depression.“ Am 3. Oktober 1986 war es dann soweit: Bundespräsident Richard von Weizäcker eröffnete gemeinsam mit den Nannens „das Haus für meine Bilder“, so Henri Nannen damals. Nur die ersten 10 Jahre durfte Henri Nannen miterleben. Danach erfuhr dir Kunsthalle unter Eske Nannens Leitung mehrere Ausbauphasen. Ihr sei das immer zugleich Pflicht und Freude gewesen. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, kommentierte sie trocken.
Eske Nannen spricht
Der frisch im Amt bestätigte Oberbürgermeister Tim Kruithoff nannte die Kunsthalle einen Ort, an dem wir die Welt mit anderen Augen betrachten. Und er vergas auch nicht die Malschule, die Eske Nannen schon 1983 initiierte: „Die bietet kulturelle Bildung im besten Sinne!“ Mit deutlichen Worten schlug er einen Bogen von der Freiheit der Kunst zur Freiheit in diesem Lande: „Überlassen wir die dieses Land nicht den Faschisten!“ – Zwischenapplaus!
Dr. Johannes Janssen, Stiftungsdirektor der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, überreichte anschließend der Kunsthalle das Gemälde „Herrengesellschaft“ von Otto Gleichmann als Geschenk. Das Besondere: Dieses Bild befand sich schon als Leihgabe in der Sammlung der Kunsthalle, nun ist sie auch Eigentümerin. Janssen betonte, dass sich die Kunsthalle mit ihren Wünschen immer gern an die Sparkassenstiftung wenden könne; allerdings: Es kann auch ein Nein geben, „das gehört zum Geschäft!“
Die Übergabe des Bildes von Otto Gleichmann: Dr. Johannes Janssen, Jörg Reinhardt (Sparkasse Aurich-Norden), Jens Jann (Sparkasse Emden), Eske Nannen, Christian Rose, Tim Kruithoff (OB Emden), Silke Oldenburg, Ina Grätz (Kunsthalle)
Silke Oldenburg, eine der beiden wissenschaftlichen Direktorinnen, erläuterte den Hintergrund zur Rebellinnen-Ausstellung: Nur sieben Prozent der Bilder im Bestand der Kunsthalle stamme von Künstlerinnen. Da habe man für diesen Anlass kurzerhand aus vier Räumen die Werke von männlichen Künstlern abgehängt und 16 Künstlerinnen, deren Karrieren in den 1980er Jahren begannen – also etwa zur Zeit der Gründung der Kunsthalle –, zu dieser Ausstellung eingeladen. „Die Ausstellung verändert natürlich keine Statistik!“ Aber sie will ein Zeichen setzen.
Eine dieser Künstlerinnen, Bettina Semmer, hat das Emder Team bei den Vorbereitungen unterstützt und die Ausstellung auch kuratiert. Sie betonte mehrfach, dass es für Frauen seinerzeit nicht einfach war, sich als Künstlerin zu etablieren. Die gesellschaftlich akzeptierte Rollenverteilung sah die Frauen eher in der Familie. Ein Indiz: Von den weltweit Top-Ten der männlichen Künstler haben neun allein 26 Kinder, umgekehrt von den zehn wichtigsten Künstlerinnen nur vier jeweils ein Kind. Im Studium musste sie sich Sätze wie diesen anhören: „Du bist doch ein schönes Mädchen, warum willst Du noch schöne Bilder malen?“ Und sie analysierte: „Die Männer waren vernetzt und förderten sich gegenseitig.“
Zum Abschluss wanderte die Geburtstagsgesellschaft zur Kunsthalle, wo sich Gelegenheit für Gespräche bot, und natürlich ein erster Rundgang durch diese außergewöhnliche Ausstellung. Dort bot eine der Künstlerinnen, Käthe Kruse, eine Performance. Sie habe zu Beginn ihrer Laufbahn festgestellt, dass Ölgemälde nicht ihre Sache seien. In dem Projekt „366 Tage“ habe sie ab 2015 etwa zwei Jahre lang täglich 25 Überschriften aus deutschen Zeitungen gesammelt, die Worte alphabethisch sortiert, und so zwei LPs mit 3927 Worten besprochen. Anschließend hat sie die rotierenden Plattenmit Ölfarbe bestrichen und so ihre Stimme unhörbar gemacht. Das Ergebnis ist in der Ausstellung zu sehen. In der Performance gab sie eine Kostprobe: Worte mit A beginnend, schnell vorgelesen, von Abstiegsangst bis Atombombe. Und auch die in der Ausstellung hängenden Kissen erklärte sie. Sie war nämlich in den 1980er Jahren Mitglied der Gruppe „Die Tödliche Doris“. Auf den Kissen stehen Strophen eines Songs. Da sie sich den Text nicht merken konnte, hielt sie die Kissen vor sich und las den Text kurzerhand ab. Auch dazu gab sie eine Kostprobe.
Käthe Kruse singt mit Kissen-Vorlage
Und die Kunsthalle zeigt noch ein ganz außergewöhnliches Objekt der Künstlerin Anna Vonnemann: Eine sich hin und her schwenkende Scheibe, umgeben von Elektronik. Nicht ein Kunstwerk im klassischen Sinne, dafür aber ein Kunstwerk der Medizintechnik, entstanden aus Mutterliebe. Vonnemann erzählt mehrfach den staunenden Betrachtern die Geschichte: Ihre Tochter Dindia erlitt drei Monate vor ihrer Geburt im Jahr 1990 einen Schlaganfall, kam halbseitig gelähmt zur Welt, was sich dann in den ersten Lebensjahren deutlich offenbarte. Vonnemann besuchte zahllose Neurologen. Immer wieder musste sie hören: Da kann man nichts machen, die Kleine stehe ein Leben im Rollstuhl bevor. Das wollte die Mutter nicht akzeptieren: „Wenn mir keiner helfen kann, dann muss ich mir eben selbst helfen.“ Ohne Vorkenntnisse im Bereich der Elektronik entwickelte sie eine Gehhilfe: Eine Weste erfasst mithilfe von Sensoren die Neigung beim Gehen und gibt elektrische Impulse an Muskeln, um den Gang zu stabilisieren. Dindia lernte zu gehen, ging auf Partys, studierte, sogar mit einem Auslandssemester in Portugal. Das Gerät erhielt nach anfänglicher Skepsis medizinische Beachtung. Ein Patent wurde erteilt, und Mutter und Tochter Gründeten das Start-Up ReMoD. Auf dessen Homepage wird die ganze Geschichte geschildert.
Bettina Semmer erklärt die Testeinrichtung für die Gehhilfe, rechts: Silke Oldenburg
▶ Der neue Film zur Geschichte der Kunsthalle ist im Obergeschoss in einem Nebenraum zu sehen.
▶ Die Ausstellung „Rebellinnen“ läuft bis zum 27. Februar 2027.
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events