Ein Abend über Joseph Roth
Die Freunde der Johannes a Lasco Bibliothek haben am 17. September wieder den Rezitator Hermann Wiedenroth zu Gast, der Reportagen und Erzählungen des österreichischen Schriftstellers und Journalisten vorstellt
Emden. Der in Galizien geborene Joseph Roth (1894 bis 1939) lässt sich menschlich wie beruflich schwer fassen – zu bunt und vielgestaltig ist sein kurzes Leben, das er mit vielen Freunden, Frauen und viel Alkohol verbrachte. Dennoch wird seine Literatur bis heute als „bedeutend“ eingestuft. Romane wie „Radetzkymarsch“, „Kapuzinergruft“ oder „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ sind in ihrer sprachlichen Form geeignet, den Autor als „Romancier“ zu bezeichnen, wie Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki es einordnete. Gleiches gibt auch für seine Erzählungen und Novellen, zu denen etwa „Stationschef Fallmerayer“ gehört. Für ihn sei in seiner Literatur das „Beobachtete“ das wichtigste, sagte Roth selber.
Kürzere Texte des Autors, der als Journalist zu den Stars seiner Zunft gehörte, in ganz Europa zu Hause war und sich selber als „Handwerker“ bezeichnete, und Reportagen Roths sind das Thema von Hermann Wiedenroth, der zum vermehrten Mal in Emden in die literarische Zeit des 20. Jahrhunderts eintaucht. „Hässlich ist sie, die Zeit, aber wahr“ ist der Abend in der Johannes a Lasco Bibliothek betitelt. Dabei handelt es sich um ein Zitat aus seiner Reportage „Das Antlitz der Zeit“ von 1920, in der er sich mit der Darstellung der Wirklichkeit befasst. Roth arbeitete also im Bereich des Feuilletons und macht 1930 in einem Brief an den Verleger Gustav Kiepenheuer deutlich, dass man diese journalistische Gattung nicht nebenher schreiben könne, das sei eine Unterschätzung, denn er zeichne das Gesicht der Zeit. Und er macht nachdrücklich deutlich: „Ich bin ein Journalist, kein Berichterstatter, ich bin ein Schriftsteller, kein Leitartikelschreiber.“
Am 30. Januar 1933, jenem Tag, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, verlässt Roth das Land und schreibt an Stefan Zweig einen Brief, in dem er das Elend des Nationalsozialismus bereits voraussieht: „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, dass wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“ Als es am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz zu Bücherverbrennungen kommt, sind nicht nur die Werke von Heinrich Mann, Erich Kästner, Erich Maria Remarque, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky und vielen anderen betroffen, sondern auch die Bücher von Joseph Roth. Dieser hatte schon im Jahr zuvor ebenso ahnungsvoll wie weitsichtig festgestellt: „Sie werden unsere Bücher verbrennen und uns damit meinen.“
Hermann Wiedenroth (Jahrgang 1956) ist Buchhändler mit eigenem Antiquariat in Bargfeld (Kreis Celle), darüber hinaus Karl-May-Forscher, Trauerredner, Rezitator. Stets ziehen seine Veranstaltungen in der Johannes a Lasco Bibliothek Hunderte von Bücherfreunden an.
▶ Die Lesung am 17. September beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.