Ein beklemmendes Gefühl

Die Gesellschaft der Freunde der Johannes a Lasco Bibliothek hatte zur Lesung mit Texten von Joseph Roth eingeladen: „Häßlich ist sie, die Zeit. Aber wahr.“

Las Texte von Joseph Roth: Hermann Wiedenroth
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Las Texte von Joseph Roth: Hermann Wiedenroth

Emden. Rezitator Hermann Wiedenroth war wieder in Emden und las in der Johannes a Lasco Bibliothek Texte des Schriftstellers und Journalisten Joseph Roth (1894 bis 1939). Roth ist als Person eine schillernde Gestalt, in seinen Arbeiten jedoch eher konservativ. Er versteht sich selber als geduldigen Beobachter, und davon zeugten auch die Texte, die Wiedenroth zusammengestellt hatte.

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Eröffnete den Abend: der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Johannes a Lasco Bibliothek Harald Groenewold

Eröffnete den Abend: der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Johannes a Lasco Bibliothek Harald Groenewold

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Das waren gar nicht viele, was daran lag, dass die Novelle „Die Büste des Kaisers“ von 1934, mit der Wiedenroth den Abend eröffnete, in ihrer ausufernd exakten Struktur von den Zuhörern viel Geduld verlangte. Dafür bot sie aber auch wesentliche Aspekte der Arbeit und des Denkens von Joseph Roth. Der Abgesang auf die alte Donau-Monarchie kreuzt sich hier mit der Möglichkeit einer Wiederauferstehung der kaiserlich-königlichen Pracht – so unwahrscheinlich sie auch sein mag. Wie der alte Barbarossa im Kyffhäuser seiner Neuerweckung entgegenschläft, so verharrt die Büste Franz Josephs I. in einem Sarg künftiger neuer (alter) Zeiten. Der Konservatismus feiert in Gestalt des „guten“ Grafen Franz Xaver Morstin eine Perspektive, deren Realisierung durch die Geschichte (bisher) widerlegt wurde. Wiedenroth ließ diese vielschichtige Literatur unkommentiert wirken, um erst nach der Pause durch die Biographie Joseph Roths erläuternde Aspekte einfließen zu lassen.

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Hat in Emden seine Fan-Gemeinde: Hermann Wiedenroth

Hat in Emden seine Fan-Gemeinde: Hermann Wiedenroth

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„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Mit diesem geflügelten Wort aus „Arturo Ui“ warnt Bertolt Brecht vor faschistischen Nachfolgern. Und eben dieses Zitat nutzte Wiedenroth, um seine Lesung mit der Charakterbeschreibung des Theodor Lohse aus dem unvollendeten Fortsetzungsroman „Das Spinnennetz“ weiterzuführen. Als Kriegsteilnehmer kehrt Lohse in die Heimat zurück, wo er aber nicht mehr zurechtkommt. Der Roman selbst, verfilmt von Bernhard Wicki, nimmt die Ereignisse des Hitlerputsches „auf prophetische Weise“ vorweg, wie es in einer Filmkritik heißt.

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Gestenreich und stimmgewaltig: Rezitator Hermann Wiedenroth

Gestenreich und stimmgewaltig: Rezitator Hermann Wiedenroth

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Zwei Reportagen bezeugen dann die sehr exakte Beobachtungsgabe des Journalisten, der vor der Machtergreifung Hitlers 1933 zu den am höchsten bezahlten Feuilletonisten im deutschen Sprachraum zählte, wie Wiedenroth sagte. „Rast angesichts der Zerstörung“ von 1938 ist die Beschreibung des Abrisses eines Hotels in Paris, in dem Roth 16 Jahre lang gewohnt hatte, wenn er in der französischen Hauptstadt war – ein Text, der von Melancholie durchdrungen und doch so politisch ist: „Man verliert eine Heimat nach der anderen“, heißt es im Text, und es klingt müde und dennoch vorausschauend. Aber Roth stirbt, bevor ihn, den aus Deutschland geflohenen Juden, der Nationalsozialismus einholen konnte.

Mit einem letzten kurzen Text „Frauen vor einem Schaufenster“, der einen ähnlich depressiven Blick auch auf die Exilanten jener Jahre wirft, endete Wiedenroth eine Lesung, die wohl erst im Nachhinein ihre ganze perspektivische Wucht entfalten wird. Denn Geschichte scheint auf ewige Wiederholung angelegt. Bleibt die Hoffnung, dass es sich mit der Roth’sche Prophetie nicht ebenso verhält. Nach dieser Lesung blieb ein Gefühl der Beklemmung zurück.

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Wolfgang Mauersberger

(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events

In diesem Beitrag erwähnt

Bildungsort

Johannes a Lasco Bibliothek

Adresse
Kirchstraße 22, Emden

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.