Ein wirklich großer Roman
Die diesjährige Vortragsreihe der Naturforschenden Gesellschaft von 1814 lautet „Das Lebensbuch“. Es referierte der Wissenschaftshistoriker Dr. Michael Weichenhan
Emden. Wie stellt man ein Buch vor, dass man selber als sein „Lebensbuch“ bezeichnen würde? Dr. Michael Weichenhan begann – vorne. Was ist überhaupt ein Lebensbuch, fragte er. Eines der Kriterien, die der Wissenschaftshistoriker benannte, war: „Es muss sich um ein wirklich großes Buch handeln.“ Für Weichenhan ist das Thomas Manns „Doktor Faustus“, erstmals erschienen 1947.
Erläuterte schlüssig, was es mit seinem Lebensbuch auf sich hat: Dr. Michael Weichenhan
Er las den dicken Roman bereits als Jugendlicher. Das Buch befand sich in der elterlichen Bücherei. Und da Vater und Mutter gewarnt hatten, er sei zu jung für das Buch, las er es erst recht. Was Weichenhan darin vorfand, war Spannung, Liebe, Eifersucht, Krankheit, einen teuflischen Pakt und viel Musiktheorie. Bis dahin habe er die Musik allenfalls zwischen Barock und Gustav Mahler geschätzt, beschrieb der Wissenschaftler seine Motivation, sich nun mit der Zwölftonmusik zu beschäftigen. „Das hat mich angesprochen!“
Weichenhan, der wissenschaftlicher Mitarbeiter der Johannes a Lasco Bibliothek ist, mied Berichte über die eigene Biographie. Stattdessen ging er der Frage nach, wen Thomas Mann denn als Vorbilder für die Personen in seinem Musiker-Roman gewählt haben könnte. Für den Komponisten Adrian Leverkühn im Faustus-Roman machte er den Philosophen Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) aus, der das Credo eines völligen Bruchs mit der Vergangenheit verfolgte und – wie Leverkühn – in geistiger Umnachtung starb. Für den musikalischen Neuanfang, der im Roman forciert wird, setzte Mann den Komponisten Arnold Schönberg (1874 bis 1951), Entwickler der Zwölftontechnik, ein. Die Person des Altphilologen Serenus Zeitblom, Freund und Biograph des Adrian Leverkühn, sieht Weichenhan in dem Vorbild des klassischen Philologen Kurt von Fritz (1900 bis 1985) verwirklicht. Dieser habe zu jenen drei deutschen Professoren gehört, die den Amtseid auf Adolf Hitler verweigerten und in der Folge Repressalien erlebten. Zeitblom indes lässt sich – im Roman – 1933 vorzeitig pensionieren, um nicht die neue Nazi-Lehre unterrichten zu müssen.
Der Vortrag im Sitzungssaal der Naturforschenden war sehr gut besucht
Auch für den Ort, in dem sich der Roman abspielt, gibt es ein Vorbild – Naumburg. Weichenhan selber hatte dort eine Zeitlang studiert und die Stadt nicht nur als völlig heruntergekommen erlebt, sondern auch als im 19. Jahrhundert stecken geblieben – zutiefst bieder und bürgerlich.
In der Folge destillierte Weichenhan aus dem Faustus-Roman zwei Stränge heraus, die Thomas Mann intensiv literarisch verfolgt: Die Musik, die in ihrer neuen Sprache als anti-bürgerlich klassifiziert wird, und die gesellschaftliche Lage in Deutschland, die dem Neuen entgegen steht. Mann entwickle in seinem großen Roman, so resümierte der Referent, ein Panorama der deutschen Geisteskultur des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Grunde zeige der Literat, was aus einer großen Kulturnation geworden sei – ein geächteter Staat, der die Grenzen der Humanität vielfach überschritten habe.
Weichenhan zeigte dies an einem Beispiel. Das berühmte Gedicht Johann Wolfgang von Goethes „Wanderers Nachtlied“ hat dieser auf dem Ettersberg über Weimar geschrieben. In der Nähe dieses Ortes errichteten die Nazis das KZ Buchenwald – in Verachtung für die Hochkultur jenes Deutschlands, das als Land der Dichter, Denker und Musiker berühmt gewesen war.
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events