Fassungslos angesichts dieser Kunstfertigkeit
Das vierte Konzert des Krummhörner Orgelfrühlings führte zur Wenthin-Orgel nach Groothusen – zur „Weißen Königin“, wo Sietze de Vries und Siek Postma ihres Amtes walteten
Groothusen. Sie hat etwas entschieden Theatralisches – diese Groothuser Orgel des Johann Friedrich Wenthin von 1801. Und als Sietze de Vries mit einer großen Improvisation zum Lied des Evangelischen Gesangbuchs „Gen Himmel aufgefahren“ eine Ouvertüre und Fuge spielte, da wähnte man sich tatsächlich in einer Oper. Großartig!
Improvisierte an der Wenthin-Orgel von 1801: der niederländische Organist Sietze de Vries
Doch das Thema war nicht eine Oper, sondern Pfingsten. Die Musik, der Gemeindegesang, die interpretierende Lesung durch den Leiter des Orgelfrühlings, Siek Postma, waren darauf ausgerichtet, diesen „Geburtstag“ der Kirche einmal anders darzustellen – nämlich als Gesamtkunstwerk aus Wort und Ton, aber unter Einbeziehung der Besucher, die quasi als Volk Gottes fungierten und so in das Geschehen per Gemeindegesang direkt einbezogen wurden. Das war anrührend und durch den kraftvollen Orgelklang auch wunderbar vertraut.
Las und sprach aus der Apostelgeschichte über Pfingsten: Pastor Siek Postma
Als Höhepunkt des Konzertes muss ohne Zweifel ein großes Variationen-Panorama zu „Schmückt das Fest mit Maien“ (EG 135) gelten. Sietze de Vries zauberte sieben Variationen, die sich zu einem vielschichtigen Symbolbild des Wonnemonats fügten. Zwischen heiter verspielten Flötentönen, tänzerischen Elementen, festlichem Aufbruch, ein wenig lyrischer Schwermut und einem herrlich inszenierten Rückbezug auf das Thema des Liedes begeisterte sich das zahlreich erschienene Publikum besonders am Vogelsang, der in zwei Passagen munter zwitscherte. Wohlverstanden: Die Groothuser Orgel hat nicht über Nacht ein solches Register bekommen, sondern Sietze de Vries brachte ein mobiles Vogelsang-Register mit, mit dem seine Assistentinnen Christianne und Annemieh musikalisch die Bewohner einer ganzen Voliere in Betrieb setzten. Zauberhaft!
So sieht es aus, wenn Vögel das Zwitschern lernen: Christianne und Annemieh mit den Vogelsang-Flöten
Und während sich das letzte Sonnenlicht des Tages in den Laibungen der hohen Kirchenfenster bricht, setzt de Vries zur Zugabe an. Bei ihm wird dann – zur Freude der Besucher – Paul Gerhards „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ zu einem Kunstwerk voller Kraft, aber auch voller Anmut. Das war eine ganz andere Seite des Orgelfrühlings – heiter, beschwingt und ohne jedes Notenblatt, denn de Vries spielte tatsächlich den ganzen Abend ausschließlich Improvisationen. Und die gestalteten sich derart, dass man die kreative Fantasie, aber auch die spontane Umsetzung in ein flüssiges dahinfließendes Musikstück mit einiger Fassungslosigkeit vor dieser Kunstfertigkeit bewundern musste.
Beschwingt: das Publikum in der Groothuser Kirche, das den Gemeindegesang kraftvoll umsetzte
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events
In diesem Beitrag erwähnt
Krummhörner Orgelfrühling 2026
Orgelkonzert-Reihe in der Krummhörn.