Aurich. In der Reihe „Quellen zur Ostfriesischen Geschichte“, die von der Ostfriesischen Landschaft und dem Niedersächsischen Landesarchiv Abteilung Aurich herausgegeben wird, ist als Band 24 das Buch „Was soll ich Euch noch vom Kriege schreiben“ erschienen. Dabei handelt es sich um 121 Briefe, die der Pastor von Weene, Friedrich Ohlmer, zwischen 1942 und 1945 an seine Töchter schrieb. In ihnen wird die Zeit des Nationalsozialismus in Ostfriesland aus seiner persönlichen Sicht gespiegelt und kommentiert – und dies trotz der Gefahr, der er sich mit seinen offenen Äußerungen aussetzte.
Der Leiter der Landschaftsbibliothek, Dr. Heiko Suhr, der das Buch lektorierte, sprach bei der Vorstellung des schwergewichtigen Werkes von einem „absoluten Glücksfall“. Und Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger versicherte, dass es sich hierbei um eine „vielschichtige Quelle“ handle, deren dichte Erzählung ihn beim Lesen „in Bann geschlagen“ habe.
Herausgeber des 571 Seiten-Werkes ist der Papenburger Gymnasiallehrer Marten Hagen. Er hat rund sieben Jahre benötigt, um die Briefe in ihrer ganzen Tiefe zu erschließen. 2377 Anmerkungen zeugten von einer immensen Fleißarbeit, die auch keineswegs abschreckend sei. Vielmehr fühle man sich gut informiert, was dem Verständnis der Briefe und Texte zugute kämen, sagte Stenger. „Sie haben die Zeit des Nationalsozialismus in Ostfriesland zum Sprechen gebracht.“ Zudem sei die Edition vorbildlich und beispielgebend umgesetzt. „Kongenial“, nannte Stenger die Art und Weise, wie der studierte Historiker und Germanist akribisch an der Aufschlüsselung der Briefe gearbeitet hat.
Das Konvolut von 121 Briefen gelangte 2009 in die Hände Hagens, der selber in Weene geboren wurde und seit langem als Ortschronist tätig ist. Gretchen Ohlmer ist die Hauptempfängerin der Post. Sie, die 2011 in Bramsche starb, übergab die Papiere zusammen mit weiterer Korrespondenz, und Hagen fing an zu lesen. „Ich war gefesselt“, sagt er in der Rückschau. Aber die Briefe und Postkarten waren unsortiert, viele trugen kein Datum. Also begann er, die dicht beschriebenen Seiten zunächst in den Computer zu übertragen, um sie in der Abfolge einfacher zuordnen zu können. „Ich habe allerdings nicht alles verstanden“, stellte Hagen fest. Besonders Personen, die nur per Vornamen auftauchten, und interne Familienverhältnisse bereiteten Probleme. Aber Vater und Onkel, beide in Weene aufgewachsen, konnten weiterhelfen. Hagen besuchte zudem auch Gretchen Kuhnert, geb. Ohlmer, in Osnabrück, wobei er weitere wichtige Hinweise erhielt. Er forschte nach noch lebenden Verwandten, recherchierte im Internet, befragte einstige Jugendfreunde der Töchter und las sich den Hintergrund der Zeit umfänglich an.
Auch menschlich konnte sich Hagen seinem Protagonisten annähern. Ohlmer galt als sehr menschlich und zugewandt, dabei zeichnete ihn aber eine große Strenge aus, vor der die Gemeindeglieder und Konfirmanden enormen Respekt hatten. Um seine umfangreiche Gemeinde, zu der auch viele Dörfer und Orte im Umfeld gehörten, besuchen zu können, fuhr er mit Bus und Bahn, hatte aber auch ein Motorrad, mit dem er oft unterwegs war. Mehr als 25 Jahre wirkte Ohlmer in seinen Gemeinden, dann wurde er schwer krank, schied 1954 aus dem Dienst aus und starb 1958 in Hildesheim.
Band 24 der „Quellen zur Geschichte Ostfrieslands“ wurde vorgestellt
Auf dem Bild: Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger, Landschaftspräsident Rico Mecklenburg, Stiftungsvorstand der Hans-Heyo Prahm Stiftung Bernd Böke, der Leiter der Landschaftsbibliothek Dr. Heiko Suhr, Richard van Düllen vom Kirchenvorstand Weene, Herausgeber und Autor Marten Hagen, Dr. Claas Brons von der Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung und der Leiter des Niedersächsischen Landesarchivs Abteilung Aurich, Dr. Michael Hermann.
⏵Die Herausgabe der Publikation wurde unterstützt durch die Hans-Heyo Prahm Stiftung, die Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung und durch die lutherische St. Nicolai-Kirchengemeinde Weene. Das Buch ist im Verlag der Ostfriesischen Landschaft erschienen. ISBN 978-3-940601-80-3. Es kostet 25 Euro.
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