Klezmer, Balkan, Tango – und Weltmusik
Oldenburger Ensemble „Her Shnayders Bauwagen“ begeisterte im Kultur-Gulfhof Freepsum
Freepsum. Der Kuhstall füllte sich am Samstag langsam, leider nicht bis auf den letzten Platz. Aber das tat der Stimmung keinen Abbruch: Den Auftakt machte mit „Sammys Freylekhs“ ein bekannter traditioneller jiddischer Tanz. Schon nach wenigen Takten war das Publikum eingefangen.
Zunächst standen nur die Vier, die den Kern von „Her Shnayders Bauwagen“ bilden, auf der Bühne: Dagmar Mertens, die der Klarinette die schönsten Töne entlockte, Júlia Vető, gebürtig aus Budapest, eine Meisterin der Streichinstrumente Geige, Cello, Gambe. Giso Grimm gab mit dem Kontrabass der Musik die Basis, und Clemens Schneider wechselte gekonnt zwischen Akkordeon, Geige und Perkussion – und setzte auch seine Stimme ein.
Júlia Vető und Giso Grimm
Die vier Oldenburger Profi-Musiker haben sich der Klezmer-Musik verschrieben; sie kennen sich schon lange, vor vier Jahren kam es dann zur Gründung der Gruppe. Und das kam so: Ein Freund von Clemens Schneider fragte nach Klezmer zu seiner Hochzeit. Klezmer betrifft ja ursprünglich eine jiddische Musik, die auch zu Festen wie Hochzeiten gespielt wurde. Clemens nannte ihm einige Top-Gruppen, aber die Antwort war: „Ich wollte dich lieber haben!“ Schnell waren sich die vier musikalischen Freunde einig: Wir machen das. Sie übten die ersten Musikstücke in einem Bauwagen, der in Clemens Garten steht. Und als sie über einen Namen für die neue Gruppe nachdachten, kam von Dagmar der Vorschlag: „Wir üben ja hier im Bauwagen, nennen wir uns doch einfach ‚Her Shnayders Bauwagen‘!“ Übrigens: Der Bauwagen in Clemens Schneiders Garten ist noch immer der Ort, an dem die Gruppe probt. Etwa ein-, zweimal monatlich treten sie zusammen auf.
Dagmar Martens und Clemens Schneider
Zum vierten Stück – Jovano – kam die Ungarin Nóra Fehér, eine Nichte von Júlia Vető, dazu. Mit ihrer schönen, klaren Stimme gab sie der Musik eine besondere Authentizität. Sie kommt seit etwa einem Jahr immer wieder mal dazu, glücklicherweise auch in Freepsum. 16 Stunden in der Eisenbahn, hin und auch zurück, für ein langes musikalisches Wochenende.
Nóra Fehér
Die musikalische Reise führte zum Balkan und in die Pyrenäen, nach Afrika und nach Brasilien. Am Rande des Abends gab es auch manches Lehrreiche zu hören, zum Beispiel: 1492 vertrieb das spanische Königspaar die sephardischen Juden, die nicht zum Christentum übertreten wollten. Sie wanderten überwiegend in das Osmanische Reich aus, vor allem auf den Balkan, nach Griechenland und nach Nordafrika; dort trafen sie auf jüdisch-aschkenasische Traditionen. So entwickelte sich die jiddische Musik, die heute vor allem mit diesen Ländern verbunden wird. Unabhängig davon, fast zeitgleich entwickelte sich in Spanien ein neues Musikinstrument: die Gambe.
Zum Stück „Fun Tashlach“ von Naftule Brandwein erzählte Clemens Schneider dessen Geschichte: Als Jugendlicher nach New York ausgewandert, wurde der jüdische Klarinettist dort mit seiner virtuosen Musik berühmt. Da er keine Noten lesen konnte, blieben ihm die Theater und die großen Orchester versperrt. Überliefert ist, dass er oft mit dem Rücken zum Publikum spielte, um seine virtuose Spieltechnik zu verbergen.
Beeindruckend war auch das Stück „Esquain“, eine Komposition von Dagmar Mertens. Die Geschichte dazu: Auf einer Urlaubsreise in den Pyrenäen hatte sie sich verfahren, und kam auf enger werdenden Gebirgsstraßen schließlich in einem romantischen, nahezu völlig verfallenen Dorf an: Esquain.
Das erste Stück nach der Pause kannte wohl jeder: „Bei mir bist Du scheyn“. Auch dazu gab es Hintergründiges. Ursprünglich 1932 für ein jiddisches Musical geschrieben, verkaufte der Komponist Sholom Secunda die Rechte (für nur 30 Dollar!) an einen Musikverlag. Der konnte es zunächst nicht unterbringen, weil keine Plattenfirma interessiert war. 1937 produzierte Decca das Stück mit einem damals noch unbekannten Gesangstrio, den Andrews Sisters. Allerdings kam das Stück nur auf die B-Seite, weil man dafür keine Marktchance sah. Es wurde schließlich ein internationaler Millionenerfolg. Und im KZ Theresienstadt rettete es möglicherweise Mitgliedern der Getto Swingers, einer Gruppe jüdischer Musiker, das Leben.
Verabschiedung
Die auf einem Tisch neben der Bühne aufgebaute kleine Nebenbühne füllte sich im Laufe der Vorstellung mit weiteren Utensilien. Stand dort anfangs nur ein kleiner Bauwagen und eine leere Mini-Staffelei, kam später noch Weiteres dazu, wie Fotos von Esquain und der Andrews Sisters, das kleine Feuerwerk, Wüstensand und eine winzige Gitarre. Nach gut zwei Stunden, viel Applaus und drei Zugaben verließen etwa 50 Zuhörer – mit einem Lächeln im Gesicht – den Gulfhof. Die 30, die auch noch Platz gefunden hätten, haben etwas verpasst!
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events
In diesem Beitrag erwähnt
Kultur-Gulfhof-Freepsum: "Her Shnayders Bauwagen“
Konzerte mit internationalen Künstlern in einem alten ostfriesischen Bauernhof / Gulfhof.