Über 40 Gäste füllten am 20. Oktober 2025 das Landschaftsforum in Aurich. Dr. Warner B. J. Popkes’ Vortrag arbeitete die Verknüpfungen zwischen Hermann Hesses Leben, seinem literarischen Werk und seinen bildnerischen Arbeiten heraus. Die Veranstaltung wurde von der Kulturagentur in Kooperation mit den Gezeitenkonzerten und Dr. Jan Amelsbarg organisiert und bot Raum für Austausch und Fragen.
Besonders eindrücklich thematisierte Popkes die Phase nach 1918, in der Hesse sich psychisch zu stabilisieren suchte und in seinen Traumbildern Hinweise auf diesen Heilungsprozess hinterließ. Popkes machte deutlich, dass die in dieser Zeit entstandenen bildnerischen Arbeiten und Traumvisionen eng mit Hesses innerer Verarbeitung des Erlebten verknüpft sind. Hesse fand in dieser Phase mehr Trost in der bildenden Kunst als in der Dichtung, ein Befund, den Popkes mit dem Beispiel der Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ von 1919 illustrierte, die zugleich literarische Reflexion und künstlerische Seelenlandschaft ist.
Besonders beeindruckend war die fachliche Tiefe des Referenten. Seine profunde Kenntnis von Hesses Biografie und seines bildnerischen Schaffens machte deutlich, dass Hesses Zeichnungen und Aquarelle keine bloße Nebenbeschäftigung waren, sondern integraler Bestandteil einer künstlerischen Suche, die sich auch in seinen Prosawerken spiegelt. Popkes verband wissenschaftliche Präzision mit erzählerischer Klarheit und öffnete so neue Sichtweisen auf bekannte Texte. Die gezeigten Bild- und Textbeispiele verdeutlichten dieses Wechselspiel: Hesses grafische Werke arbeiten mit Reduktion, Tonwerten und einer oft meditativen Figurenführung.
Hermann Hesses Leben war geprägt von innerer Zerrissenheit, Reisen und beständiger Selbstsuche. Geboren 1877 in Calw und gestorben 1962 in Montagnola, hinterließ er ein Werk, das Fragen nach Identität, Spiritualität und künstlerischer Freiheit immer wieder neu verhandelt. Romane wie Siddhartha, Der Steppenwolf, Narziß und Goldmund sowie Das Glasperlenspiel zeigen die Bandbreite seiner existenziellen Themen und begründeten die Verleihung des Literaturnobelpreises 1946. Daneben stehen Hesses visuelle Arbeiten aus den Tessiner Jahren, in denen Linie, Komposition und Atmosphäre die literarischen Motive wie Spiegelbilder aufnehmen und erweitern.
In der an den Vortrag anschließenden Diskussion wurden die zuvor ausgeführten Verbindungen vertieft. Das Publikum brachte eigene Beobachtungen ein, und es entstand ein Austausch über Hesses Haltung zu Krieg und Pazifismus, seine Rolle in den politischen und kulturellen Debatten der Zeit sowie über weiterführende Fragen zur Wechselwirkung von Traum, Kunst und Heilungsprozessen. Die Fragen zeigten, wie sehr Hesses bildnerisches Werk neue Lektüren seiner Texte ermöglicht und wie relevant seine biografischen Erfahrungen gerade für das Verständnis seiner Nachkriegsproduktionen sind.
Die enge Kooperation der Kulturagentur mit den Gezeitenkonzerten und Dr. Jan Amelsbarg, die engagierte Moderation und das interessierte Publikum machten den Abend zu einem Gewinn für die regionale Kulturszene. Der Vortrag regte dazu an, Hesses Werk künftig noch stärker als Einheit von Wort und Bild zu lesen und die visuellen Arbeiten neben den literarischen Neu- und Wiederentdeckungen ernst zu nehmen.
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Regionale Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft
Kunst und Kultur für eine lebenswerte Zukunft