„Kunst, die zwingt, selbst zu denken“

Im Ostfriesischen Landesmuseum Emden wurde am Emder Gedenktag, dem 6. September, eine Ausstellung der jüdischen Künstlerin Marsha Pels eröffnet

Viele Interessierte wollten die Eröffnung im Rummel miterleben
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Ina Wagner

Viele Interessierte wollten die Eröffnung im Rummel miterleben

Emden. Erinnerungen wurden wach, als im Rummel des Rathauses eine Ausstellung eröffnet wurde, die anknüpfte an einen Besuch, der vor ziemlich genau 30 Jahren in Emden stattfand. Da war nämlich die US-amerikanische Künstlerin Marsha Pels im Rahmen eines Fulbright Stipendiums vor Ort, um Familiengeschichte aufzuarbeiten und aus den Erfahrungen des Holocausts künstlerische Erfahrungen zu generieren. Nun ist die inzwischen weitbekannte Künstlerin wieder vor Ort. Und dieses Mal hat sie Kunstwerke mitgebracht, die 2001 aus jenem Emder Besuch heraus entstanden sind.

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Nach der Ausstellungseröffnung im Rummel des Rathauses: Dr. Bergit Arends, Marsha Pels und Tim Kruithoff

Nach der Ausstellungseröffnung im Rummel des Rathauses: Dr. Bergit Arends, Marsha Pels und Tim Kruithoff

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Als am Gedenktag, dem 6. September, die Ausstellung eröffnet wurde, blickte die Direktorin des Landesmuseums, Jasmin Alley, in einem wohlgefüllten Raum. Und so traf ihr Wunsch, dass möglichst viele Menschen sich von der Ausstellung berührt fühlen mögen, auf offene Ohren. 

Kuratorin Dr. Bergit Arends hatte Marsha Pels schon als Studentin in London kennengelernt. Als sie sich als Emderin outete, wurde die Künstlerin hellhörig. Denn auch Marsha Pels hat Wurzeln in Ostfriesland. Ihr Großvater war 1899 von Emden aus in die USA emigriert. Andere Familienmitglieder, die blieben, wurden später in Vernichtungslagern ermordet.

Arends erinnerte an den Besuch der Künstlerin Ende der 90er Jahre, als Walter Schulz, damals Direktor der Johannes a Lasco Bibliothek, sich für die Realisierung des Projektes einsetzte, mit dem Marsha Pels die Erinnerung an den Holocaust in den öffentlichen Raum hineinbringen wollte – ein Thema, das sie nach wie vor künstlerisch umtreibt. Unterstützt wurde sie damals auch von Stadtplaner Norbert Tillmann und dem Ehepaar Marianne und Reinhard Claudi, die Bergit Arends ausdrücklich erwähnte.

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Ausgangspunkt Ende der 90er Jahre war diese architektonische Verschränkung von Bahnhofsbunker und einstiger Synagoge

Ausgangspunkt Ende der 90er Jahre war diese architektonische Verschränkung von Bahnhofsbunker und einstiger Synagoge

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Das Pels-Projekt der 90er Jahre bildet heute den Mittelpunkt der Ausstellung „Site Reclaimes. Altes Land, Neu“. Es handelt sich um eine Verschmelzung zweier Gebäude: Eine Abbildung der Emder Synagoge, die 1938 verbrannt wurde, schmiegt sich um den Bunker am Bahnhof. Das damals entwickelte Modell findet sich – erweitert um Vorstudien - in der aktuellen Ausstellung wieder. Platziert wurde die Arbeit im Foyer, damit, so Jasmin Alley, jeder Interessierte es sich ansehen kann, auch wenn er keinen Museumsbesuch plant. Realisiert wurde diese Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur übrigens bis heute nicht. 

Oberbürgermeister Tim Kruithoff legte in seinem Grußwort offen, dass man, wenn man über die Zerstörung der Stadt spräche auch über die zerstörte Stadtgesellschaft sprechen müsse. Denn schon vor dem 6. September 1944 wurde mit dem Brand der Synagoge und der Deportation und Ermordung der Emder Juden deren Ausschluss aus der städtischen Gemeinschaft zur Tatsache. „Das festzustellen bedeutet nicht, das eine Leid gegen das andere aufzurechnen. Im Gegenteil. Es bedeutet, unsere Geschichte vollständig anzunehmen.“

Die Tatsache, dass das von Marsha Pels geplante Mahnmal nicht errichtet wurde, sei ebenfalls ein sprechendes Signal, sagte der OB. Diese Leerstelle erzähle etwas darüber, „was eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt erinnern kann und erinnern will“. Erinnerung sei nicht dazu da, „dass wir uns anschließend besser fühlen“, sie richte sich auch nicht ausschließlich auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart - und sie stelle Fragen. Demokratie lebe vom Streit. „Aber Demokratie endet dort, wo Menschen nach Herkunft, Religion oder vermeintlicher Zugehörigkeit sortiert und gegeneinander ausgespielt werden.“

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Blick in den Ausstellungsraum im 3. Stock des Landesmuseums, wo Exponate aus der Serie der „Hitler Vitrines“ zu sehen sind

Blick in den Ausstellungsraum im 3. Stock des Landesmuseums, wo Exponate aus der Serie der „Hitler Vitrines“ zu sehen sind

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Die Ausstellung „Site Reclaimed“ (Etwas zurückfordern) handle auch davon, welche Gesellschaft wir heute sein wollen, betonte Kruithoff. Die Vergangenheit lasse sich nicht zurückholen, aber man könne „dieser Geschichte ihren Platz in unserer gemeinsamen Geschichte zurückgeben“. In diesem Zusammenhang regte der OB an, etwas zu tun, was 1998 nicht geschah, nämlich Kunst von Marsha Pels im öffentlichen Raum Emdens zu präsentieren: „Let us think together about whether a part of your art cab remain here – visible and accessible to everyone, in the public space of our city.“ Der öffentliche Raum sein geeignet für Kunst, „die uns zwingt, selber zu denken“.

     Die Ausstellung „Site Reclaimed. Altes Land, Neu“ ist bis zum 17. Januar 2027 zu sehen

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Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.