Norden. Als Michaela Kruse und Herma Heyken vom Kirchenvorstand der Ludgerikirche die neue Kunstausstellungsreihe konzipierten, fanden sich die ersten beiden Worte des Titels wie selbstverständlich: Kunst und Kirche. Nach kurzer Überlegung war der dritte Begriff klar: „KUNST | KIRCHE | KONTEXT“. Als ersten Künstler luden sie Herbert Müller aus Fehnhusen ein. Müller, in Norden geboren, in der Ludgerikirche getauft, wurde in den letzten Jahren mehrfach für sein künstlerisches und insbesondere sein gesellschaftliches Engagement geehrt: so 2024 mit der Ubbo-Emmius-Medaille der Ostfriesischen Landschaft und im Mai durch den Bundespräsidenten mit dem Bundesverdienstkreuz.
Müller stellte seine Ausstellung unter das Motto „Licht, Farbe, Schöpfung“. Licht und Farbe strahlen viele seiner Ölgemälde aus, oft auch eine dunkle, bedrohliche Stimmung. Seine naturnahen Landschaftsbilder zeigen die Schöpfung – und da schließt sich der Kreis zur Kirche – und auch die Technik, die der Mensch in ihr errichtete.
28 Bilder hängte Müller in den letzten Tagen in den Chorumgang der Ludgerikirche, der den Bildern mit seinen gotischen Spitzbögen einen würdigen Rahmen gab. Rund 100 Besucherinnen und Besucher kamen zu der Vernissage am 3. Juni. In der Begrüßung stellte Herma Heyken die These auf: Räume verändern Bilder, Bilder verändern Räume.
Unter dunklen Wolken: Die Ludgerikirche in Norden
Anschließend führten Michaela Kruse und Herma Heyken – beide sind Journalistinnen – ein Interview mit Müller. Wie er denn zu seinen Motiven käme, fragte Kruse. Müller schilderte dazu ein Erlebnis vom Vortage: Als sich vor seiner Haustür ein Gewitter zusammenbraute, ging er kurz raus und ließ die bedrohliche Stimmung – dunkle Wolken, Blitz und Donner – auf sich wirken. Solche Eindrücke gingen oft in das nächste Bild ein. Unterwegs habe er außerdem meistens einen Skizzenblock bei sich und mache immer wieder kleine Skizzen von dem, was ihm begegnete. Mehr als dreißig gefüllte Skizzenbücher habe er bereits. Im Atelier entwickle er daraus neue Bilder.
Michaela Kruse und Herma Heyken interviewen Herbert Müller
Als eine Kundin einmal unangemeldet einen seiner begehrten Jahreskalender abholte, sagte er nach einiger Zeit, er müsse jetzt arbeiten. Die überraschte Reaktion: „Sie müssen doch nicht arbeiten, Sie machen doch Kunst!“ Nein, Kunst sei für ihn Arbeit, erklärte Müller. Aus einer Idee oder einer Skizze entwickle er über weitere Entwürfe die Komposition, den Aufbau des Bildes. Wo liegt der Horizont? Welche Farben dominieren? Das sei für ihn Arbeit; dabei helfe ihm allerdings seine jahrzehntelange Erfahrung.
Müller gewährte auch Einblicke in seine Familiengeschichte: Kürzlich fand er ein verblichenes Foto seines Großvaters mütterlicherseits, entstanden wahrscheinlich um 1914, in Uniform und mit Kaiser-Wilhelm-Bart. Das gab ihm den Anstoß zu einer neuen Bilderserie, die gerade in seinem Atelier entsteht. Dieses Vorgehen, aus wenigen unscheinbaren, vergessenen Relikten seine Kunst zu entwickeln, hat Müller schon bei seinen Werken zum KZ Engerhafe angewandt. „Unsichtbares sichtbar machen!“, beschreibt Müller diesen Ansatz. Unter diesem Titel stellte er vor drei Jahren am gleichen Ort Werke über Engerhafe von 1987 bis 2023 aus.
Viele Freunde von Herbert Müller und Gäste verfolgten seine Ausführungen
Auf Michaela Kruses Frage, wie seine Bilder in dieser kirchlichen Umgebung auf ihn wirken: Mit Demut und Hochachtung vor den alten Baumeistern habe er seine Bilder in den spätgotischen Chorumgang gehängt. Seine Bilder in modernem Stil ständen im Gegensatz zu den in solchen Umgebungen oft anzutreffenden Werken der alten Meister, die mit viel Gold selbst zu leuchten scheinen. „Und was wünschen Sie sich, was die Besucher mitnehmen?“ Kunst sei interpretationsbedürftig. Dabei komme er nicht mit erhobenem Zeigefinger. Er hoffe, dass seine Bilder die Menschen zum Nachdenken anregen – auch noch am nächsten Tag.
Es blieb Zeit, die Bilder in Ruhe zu betrachten
Am Rande zeigte dieses Video auf einem Laptop Impressionen aus Herbert Müllers Atelier und seiner Arbeit darin.
Abschließend blieb für die Gäste Zeit, in Ruhe die Bilder zu betrachten und bei einem Glas Wein oder Saft Gespräche mit dem Künstler, unter Freunden, Kollegen und Kunstinteressierten zu führen. Nur langsam löste sich die Gesellschaft nach zwei Stunden auf.
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events
In diesem Beitrag erwähnt
3. Juni: Eröffnung der ersten Sommer-Ausstellung in der Ludgerikirche Norden
Unter dem Titel „Licht, Farbe, Schöpfung“ zeigt der ostfriesische Künstler Herbert Müller seine Landschaftsbilder
„Licht, Farbe, Schöpfung“: Ausstellung mit Landschaften von Herbert Müller
Mo 10-14.30 Uhr, Di-Sa 10-17 Uhr