Meine Schwester ist heute noch sauer, dass wir sie nicht geweckt hatten

Der Berliner Künstler Christian Thoelke sprach am Langen Kunstabend mit Kunsthallendirektorin Silke Oldenburg über die Jugend, das Studium und seine Bilder.

Christian Thoelke vor seinem Bild "Wall"
Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Wolfgang Mauersberger

Christian Thoelke vor seinem Bild "Wall"

Emdern. Christian Thoelke war 16 Jahre alt, als die Mauer fiel. Er lebte damals wie noch heute im Osten Berlins und wuchs in einer privilegierten Familie auf: Der Vater war Informatiker, die Mutter Künstlerin, Keramikerin. Er erinnert sich noch genau an den Abend des 9. Novembers 1989. Kurz vor 19 Uhr las Günter Schabowski, damals SED-Politbüromitglied, im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz die neue Reiseregelung der DDR von einem Zettel ab. DDR-Bürger dürfen über Grenzübergänge ausreisen. Und auf die Nachfrage, ab wann das gelte, fiel nach kurzem Zögern der berühmte Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Christian Thoelke machte sich mit seinen Eltern – seine kleine Schwester schlief so fest, dass man sie nicht wach bekommen hatte – auf den Weg zur nahen Grenze, und einige Stunden später, die Schlagbäume waren inzwischen geöffnet, waren sie in Westberlin.

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Christian Thoelke

Christian Thoelke

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Wie für alle DDR-Bürger war das auch für Familie Thoelke ein großer Einschnitt, wiewohl seine Familie „wieder schnell auf die Beine kam“, so Thoelke. Der Vater wurde übernommen, die Mutter arbeitete für die Porzellan-Manufaktur MEISSEN. 

Christian interessierte sich schon vor der Wende für Musik; Techno war (und ist) seine Richtung. Auch während der ersten Studiensemester an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee, ab 1993, war er mehr musikalisch unterwegs als in den Vorlesungen. Stillleben, Aktzeichen und anderes in der klassischen Ausbildung waren nicht sein Ding. Und da waren ja überwiegend noch die alten Professoren an der Hochschule... Stattdessen betrieb eine kleine Bar und organisierte Techno-Konzerte. „Meine Freunde, die dabei geblieben sind, haben heute keine Geldsorgen“, sinnierte er am Abend in Emden. Von 2001 bis 2003 war er dann Meisterschüler von Professor Ulrich Hachulla an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Er fand dann seinen eigenen, prägnanten Stil, etwas melancholisch, manchmal auch surreal anmutend. Seine gegenständliche, fast fotorealistische Kunst bedeute exaktes, handwerkliches Arbeiten, so Thoelke. Und das sei von jedermann überprüfbar: stimmen die Proportionen, der Schattenwurf, die Spiegelungen? Seine Bilder entstehen oft in einer Lasurtechnik, halbtransparente Ölfarben werden dabei Schicht für Schicht aufgetragen. Das darunter Liegende schimmert weiter durch.

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Kunsttalk: Silke Oldenburg und Christian Thoelke

Kunsttalk: Silke Oldenburg und Christian Thoelke

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Mit seinem großformatigen Bild „Wall“, gemalt 2021 während des Lockdowns, ist Christian Thoelke in der Ausstellung GROSSE BUCHSTABEN, GRELLE FARBEN vertreten, sogar auf dem Ausstellungsplakat. Im Bild entstehen gerade Graffitis an einer aus Betonblöcken zusammengesetzten Mauer. Es hatte geregnet, die Szene spiegelt sich in einer Pfütze. Vor der Mauer zwei Menschen, nicht identifizierbar von hinten gemalt, einer arbeitet an einem Graffiti, ein anderer schaut kritisch (?) auf die Mauer (?) oder durch die Mauer hindurch (?), auf das Geschehen dahinter. Roter Qualm steigt da auf, „da hat’s geknallt“ – was ist da wohl passiert? Zu den Betonquadern inspirierten ihn Absperrungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo zur Zeit des arabischen Frühlings 2011. Und Thoelke fotografierte viele Graffittis, aus denen er dann sein Motiv gestaltete.

Auf die Frage von Silke Oldenburg nach der Birke links im Bild antwortet er, das sei einerseits ein notwendiges Gestaltungsmittel: Die Horizontalen müssten durch eine Vertikale unterbrochen werden. Und die Birke sei eben ein dekorativer Baum; Birkenwälder hat er mehrmals gemalt.

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Zwei Bilder von Christian Thoelke: "Oase" und "Freiplatz"

Zwei Bilder von Christian Thoelke: "Oase" und "Freiplatz"

Lizensiert gemäß Alle Rechte vorbehalten von Christian Thoelke

Viele seiner Bilder zeigen Lost Places. Einsamens, Verfallendes und Verfallenes. Das gab es nach der Wende – nicht nur – in und um Berlin. Aber im Osten sei das Problem möglicherweise stärker, immerhin jeder fünfte sei nicht mehr da. Überall in der Welt könne das passieren, auch in Emden, man denke nur an VW. Dazu passt auch sein Bild vom verfallenden Kiosk, oder das mit dem verlassenen Spielplatz: Die Kinder sind weg, es gibt keine Zukunft. Damit drückt er also durchaus Gesellschaftskritisches aus. Christian Thoelke: „Bleibt die Frage: Was macht das mit Menschen, die das jeden Tag sehen?“

In der Diskussion kam noch die Frage nach den mehrfach abgebildeten Wellendächern auf. Neu für manche aus dem tiefen Westen: Die waren damals für große Hallen DDR-Standard, quasi ein Code für den Osten. Der Hintergrund: Es gab wohl nur eine Fabrik, die mit diesen Betondächern große Hallen ohne Abstützungen überdachen konnte.

 

▶    Die Ausstellung GROSSE BUCHSTABEN, GRELLE FARBEN läuft noch bis zum 28. Februar 2027, parallel zur Ausstellung REBELLINNEN. Und BILDER, DIE WIR LIEBEN ist noch bis Anfang Mai zu sehen. Weitere Info auf den Seiten der Kunsthalle Emden.

▶    An jedem ersten Dienstag bietet die Kunsthalle Emden an 17 Uhr den Langen Kunstabend an, oft mit einer Talkrunde. Gefördert wird dies durch die Aloys Wobben Stiftung. Weitere Informationen dazu hier.

▶    Informationen zu Christian Thoelke auf seiner Homepage.


 

Veröffentlichungsdatum
Publiziert von

Wolfgang Mauersberger

(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events

In diesem Beitrag erwähnt

Museum

Kunsthalle Emden

Kunst der Moderne und der Gegenwart

Adresse
Hinter dem Rahmen 13, Emden
Hauptbild der Veranstaltung GROSSE BUCHSTABEN, GRELLE FARBEN. Schrift als Kunst - Kunst als Schrift

GROSSE BUCHSTABEN, GRELLE FARBEN. Schrift als Kunst - Kunst als Schrift

Der Ausstellungstitel GROSSE BUCHSTABEN, GRELLE FARBEN ist ein Zitat aus dem Song „Füchse" der Absoluten Beginner feat. Samy Deluxe (auf: Bambule, 1998).

Das Vorhaben „KultinO“ wird innerhalb des Programms Region gestalten des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung gefördert.