Ostfriesische „Meermänner“ aus der Steinzeit schlagen Wellen
Ergebnisse eines internationalen Forschungsprojekts führten zu überraschenden Erkenntnissen
Bereits in den Jahren 2016 und 2018 wurden von ehrenamtlichen Sammlern an den Spülsäumen der Nordseeinseln Spiekeroog und Baltrum zwei menschliche Unterkiefer gefunden. Erste Untersuchungen ergaben, dass die Knochen von erwachsenen Männern stammen und unerwartet alt sind. Ein Kieferknochen stammt aus der Mittelsteinsteinzeit um das Jahr 5.500 vor Christus und der andere aus der Jungsteinzeit um 3.500 vor Christus. „Da es keinerlei begleitende Funde gab, konnten wir über die Lebensräume und den Tod der beiden Männer nur spekulieren“, erläutert Dr. Jan F. Kegler, Leiter des Archäologischen Forschungsinstituts der Ostfriesischen Landschaft.
Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung von Jan Kegler hat sich die beiden Unterkiefer genauer vorgenommen und sie in Zusammenhang mit anderen Knochenfunden aus Feucht-, Fluss- und Küstengebieten der Niederlande, Belgiens und Westdeutschlands bringen können. Das Ergebnis ist überraschend: DNA-Analysen ergaben, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung in diesen Gebieten vom Rest der Bevölkerung Europas deutlich unterschied. Denn in Europa vermischten sich zwischen 6.500 und 4.000 vor Christus Nachkommen westanatolischer Bauern mit lokalen Jägern und Sammlern. Dies führte zu einem 70 bis 100-prozentigen Wechsel der Abstammung der ursprünglichen nacheiszeitlichen Bevölkerung. In den oben genannten Feucht-, Fluss- und Küstengebieten bestand dagegen noch etwa 3.000 Jahre länger ein etwa 50-prozentiger Bevölkerungsanteil mit Vorfahren von Jägern und Sammlern. Belegt werden konnte dies durch die Auswertung von insgesamt 112 Knochenfunden aus den Gebieten aus der Zeit zwischen 8.500 bis 1.700 vor Christus.
„Warum der Bevölkerungswechsel in den Küstengebieten deutlich langsamer stattfand, ist bislang nicht endgültig geklärt“, erklärt Kegler. Dazu gebe es mehrere Erklärungsansätze: So könnte die Lage der Jäger- und Sammlerkulturen durch die Nähe zum Wasser mit seinen Fischbeständen länger auskömmlich gewesen sein. Ein weiterer Grund mag in den Sandböden der Küstengebiete liegen. Dadurch sei der Anbau von Getreidepflanzen lange Zeit nicht ertragreich möglich gewesen. Erst mit der Gerste und der Zucht angepasster Arten konnte die Löss/Sandgrenze für den Ackerbau überschritten werden. Eventuell sei auch eine Veränderung der Viehzucht ein weiterer Faktor. „Aber leider lässt sich das nicht so einfach erklären, weil die Bevölkerungsdynamiken dahinter noch nicht ganz verstanden sind“, folgert Kegler. Schließlich hätten in dem betrachteten Zeitraum mehrere kulturelle Wechsel und Innovationen stattgefunden. Laut Kegler könne auch eine Kombination aus all diesen und weiteren Erklärungen ausschlaggebend für die deutlichen Abweichungen gewesen sein.
Jedenfalls haben die Erkenntnisse von dem späteren Bevölkerungswechsel in der Wissenschafts-Community so hohe Wellen geschlagen, dass in dem renommierten Wissenschaftsmagazin „nature“ ein Fachbeitrag zu der Studie erschienen ist. Dies gilt gemeinhin als „Ritterschlag“ für Wissenschaftler. Für die beiden Kieferknochen von Spiekeroog und Baltrum ergaben die intensiven Untersuchungen zusätzliche Einblicke in die Lebens- und Ernährungsweise der steinzeitlichen Menschen. Isotopen-Analysen ergaben, dass die beiden Küstenbewohner viel Fisch gegessen haben müssen. Die deutlich abgemahlenen Backenzähne weisen zusätzlich auf weitere Nahrungsbestandteile wie Weizen hin.
„In Ostfriesland sind Knochenfunde aufgrund der sauren und gut durchlüfteten Sandböden eher selten“, erklärt Kegler. Im Meerwasser beziehungsweise dem Meeresboden seien die Erhaltungsbedingungen für Knochen oder Holz dagegen deutlich besser. Zur Zeit des älteren Mannes war der Meeresspiegel noch sechs bis zehn Meter niedriger als heute und im Fall des zweiten Mannes noch zwei Meter niedriger. „Generell beobachten wir eine Häufung von prähistorischen Funden an der Nordseeküste“, stellt Kegler fest. Dies könne daran liegen, dass Strandgänger heute sensibler für derartige Funde seien. Eine weitere mögliche Erklärung sieht Kegler in der Erosion und der Ostdrift der ostfriesischen Inseln. Dadurch werde unter Schwemmsand verborgenes Fundmaterial aufgedeckt. Schließlich könne auch der Klimawandel mit Veränderungen der Meeresströmungen um die ostfriesischen Inseln dazu führen, dass über Jahrzehnte intakte Küstenabschnitte nun durch Erosion angegriffen werden.
Zur Studie „Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion“ bei „nature“: https://www.nature.com/articles/s41586-026-10111-8
Eine Printfassung der Studie erscheint am 23. April 2026.
Ostfriesische Landschaft
Kultur, Wissenschaft und Bildung