Politische Dimension eines historischen Ereignisses
In der Johannes a Lasco Bibliothek ist eine neue Ausstellung eröffnet worden. Ihr Titel: „500 Jahre Oldersumer Religionsgespräch“
Emden. Die neue Ausstellung erinnert an das Jahr 1526, als der Herr der Herrlichkeit Oldersum, Junker Ulrich von Dornum, Vertreter des alten katholischen und des neuen evangelischen Glaubens zu einem Gespräch einlud, das am Anfang der Reformation in Ostfriesland stand.
In ihrem Grußwort wagte Gitta Connemann (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, einen Transfer von 1526 in die Jetztzeit, indem sie plädierte, angesichts zunehmender Hetze und daraus erwachsender persönlicher Angriffe mit Politikern von der Kommunal- bis zur Bundespolitik „etwas mildtätiger umzugehen“. Das Gespräch vor 500 Jahren sei friedlich verlaufen. Niemand sei verbannt worden, niemandem habe man das Wort verboten. Heute dagegen seien fast 60 Prozent der ehrenamtlich tätigen Kommunalpolitiker bereits einmal angegriffen worden. Durch alle Parteien gehe die Befürchtung, dass künftig immer weniger Menschen bereit wären, sich unter diesen Bedingungen als Kandidaten aufstellen zu lassen. Reformen brauchten Mut, denn es gelte, andere Meinungen zu ertragen. Sie brauchten aber auch Respekt, denn wer nur zerstören oder nur bewahren wolle, ändere nichts. Connemann appellierte, auch im Streit das Gemeinsame nicht aus dem Auge zu verlieren.
Der wissenschaftliche Vorstand der Bibliothek, Professor Dr. Kęstutis Daugirdas hatte eingangs darauf verwiesen, dass Religionsgespräche im 16. Jahrhundert „nie nur theologisch waren“. Einberufen von den Herrschenden hätten sie eine politische Dimension gehabt. Zudem sei eine solche Veranstaltung mit modernen Gesprächen nicht zu vergleichen. „Beiden Seiten ging es damals um die Herausstellung der eigenen Wahrheit.“ Mit der Ausstellung habe Dr. Klaas-Dieter Voß, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hauses, ein „wesentliches Stück ostfriesischer Geschichte thematisiert“, die mit den Niederlanden verflochten sei. „Es ist ein tolles kulturelles Erbe.“
Als "tolles kulturelles Erbe" bezeichnet Prof. Dr. Kęstutis Daugirdas die Ausstellung. Die Parlamentarische Staatssekretärin Gitta Connemann (CDU) plädiert für anderen Umgang mit Politikern. Stellt besondere Exponate vor: Kurator Dr. Klaas-Dieter Voß
Als „Meilenstein ostfriesischer Religionsgeschichte“ bezeichnete der Kurator das Religionsgespräch, das vor 500 Jahren Prediger aus der ganzen Region nach Oldersum geführt habe. Voß zeigte in seiner Einführung in die Ausstellung, wie stark die Verflechtungen von Theologie und Politik waren und welch eine wichtige Rolle Oldersum damals einnahm. Als Ulrich von Dornum zum Beispiel drei Jahre nach dem Aufeinandertreffen in Oldersum gegenüber Graf Enno II. ein weiteres Gespräch anregte, das sich mit dem innerprotestantischen Abendmahlsstreit beschäftigen sollte, schlug er als einen Beteiligten Johannes Bugenhagen vor. Das Gespräch findet statt, allerdings nicht in Ostfriesland, sondern in Flensburg, wo Bugenhagen auf Melchior Hofmann trifft. Die Thesen Hofmanns sind derart, dass er mitsamt seiner Anhänger des Landes verwiesen wird. Er flieht – nach Oldersum, wo er auf Andreas Bodenstein trifft, der ebenfalls in Ulrichs Burg Zuflucht gesucht hatte.
Nach der Säkularisierung der Klöster beginnt Enno II. den Streit mit Balthasar von Esens, denn der Cirksena will das Harlingerland unter seinen Einzugsbereich bringen. Balthasar wird Lehensmann des Herzogs Karl von Geldern, und es beginnt die Geldrische Fehde, die das Land verwüstet und die Reformation in Ostfriesland bedroht, wie Voß ausführte. Während des Feldzugs wird ein Teil der Oldersumer Burg beschädigt, was wiederum auch in dem Modell zu sehen ist, das die Ausstellung ebenfalls zeigt.
Das Modell der Oldersumer Burg war einer der Anlaufpunkte der Ausstellung
Voß ging aber auch auf die späteren Gebäudeabbrüche ein, die den einst imposanten Flecken mit seinen drei weithin sichtbaren Bauten – Kirchturm, Burg und Mühle – architektonisch reduzierten. Statt der Burg entstand eine Werft, die Mühle musste noch 1971 einem Supermarkt weichen, und die Kirche verbrannte 1916 bei Modernisierungsarbeiten.
Präsentierten sich mit der Renaissancelaute: Gerlind Puchinger, Daniel Kemminer, Katharina Padrok, Vilma Pigagaitė und Jens Lauterbach
Mit Instrumental- und Vokalwerken aus der Reformationszeit gestaltete ein Ensemble aus vier Stimmen und einer Theorbe eine Sonntagsmatinée, die sich charmant zwischen die Ansprachen schob und immer wieder deutlich machte, dass die Musik der Reformationszeit vielerlei Emotionen beherrschte. Rund um eine Mottete von Ludwig Senfl aus dem 15. Jahrhundert mit dem lockeren Titel „Schau mal, wie gut“ spannte sich der Bogen über Monteverdi (Im Licht der Sterne), Dowland (Komm, süße Liebe), Gastoldi (Diese süße Meerjungfrau) bis hin zu Dowlands „Fine Knacks for Ladies“ (Feine Dinge für Damen) und setzten so einen weiteren Akzent. Denn die Reformation war nicht nur Theologie. Zur zarten Begleitung von Theorbe oder Renaissancelaute, die Gerlind Puchinger spielte, setzten die Stimmen von Vilma Pigagaitė (Sopran), Katharina Padrok (Alt), Jens Lauterbach (Tenor) und Daniel Kemminer (Bass) ein Statement. Das war eindrucksvoll und wohlklingend und stellte die Epoche in ein variantenreiches Licht.
⏵ Die Ausstellung zum Oldersumer Reformationsgespräch ist bis zum 1. November in der Johannes a Lasco Bibliothek zu sehen
Wolfgang Mauersberger
(Presse-)Fotografie für Landschaft, Kultur und Events