Direkt gegenüber dem Leeraner Bahnhof erhebt sich ein Gebäude, das längst mehr ist als ein historisches Relikt: Das rund 70 Meter lange, um 1860 errichtete und denkmalgeschützte Zollhaus ist heute eines der lebendigsten soziokulturellen Zentren Ostfrieslands. Betrieben wird es vom gemeinnützigen Zollhausverein e.V., der seit seiner Gründung im Jahr 1993 Kulturarbeit, gesellschaftliches Engagement und Denkmalschutz unter einem Dach vereint.
„Das Alte Zollhaus in Leer hat geschichtliche Bedeutung für die Stadtgeschichte von Leer und aufgrund des Zeugnis- und Schauwertes durch die beispielhafte Ausprägung dieses Gebäudetypus. Zudem kommt dem Zollhaus eine künstlerische Bedeutung zu aufgrund des nicht alltäglichen Gestaltwertes sowie eine städtebauliche Bedeutung aufgrund des prägenden Einflusses auf das Ortsbild im Umfeld des Bahnhofes. Aus diesen Gründen liegt die Erhaltung des Gebäudes im öffentlichen Interesse und das Alte Zollhaus ist gem. § 3 Abs. 2 NDSchG als Baudenkmal ausgewiesen. Seitens des NLD bestätige ich zudem, dass das Alte Zollhaus das nationale Erbe der Bundesrepublik Deutschland mitprägt.“
Ansgar Brockmann, Oberkonservator Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
Was einst mit einer Handvoll kulturbegeisterter Menschen begann, ist heute ein professionell aufgestellter Kulturträger mit über 600 Mitgliedern, den sogenannten „Zollhaus-Botschafter*innen“, von denen viele aktiv an der Gestaltung des Programms und des Hauses mitwirken. Geleitet wird der Verein von einem ehrenamtlichen vierköpfigen Vorstand, unterstützt von einem fachkundigen Beirat. Das operative Tagesgeschäft stemmen derzeit vier hauptamtliche Mitarbeiter*innen, ergänzt durch Minijobber und einen Hausmeister. Sie koordinieren ein breites Spektrum an Aufgaben: von Veranstaltungsplanung und Durchführung, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising bis hin zu Denkmalpflege, Ehrenamtskoordination und Netzwerkpflege.
Zollhaus Leer
Ein Haus mit vielen (ausgezeichneten) Bühnen
Das Zollhaus bietet auf vier Etagen unterschiedlich große Veranstaltungsräume, die flexibel genutzt werden können. Vom intimen Theaterraum mit 100 Plätzen über das Café für bis zu 250 Besucher*innen bis hin zum Großen Saal für bis zu 800 Gäste reicht die Bandbreite. Zusätzlich nutzt der Verein weitere Spielorte in der Stadt, darunter das Theater an der Blinke und — erstmals 2024 — auch die reformierte Kirche in Leer.
Allein im Jahr 2025 fanden rund 100 öffentliche Kulturveranstaltungen statt, mit mehr als 25.000 Besucher*innen. Etwa 30 Prozent der Termine waren ausverkauft — ein Wert, von dem viele Spielstätten derzeit nur träumen können. Das Programm reicht von Konzerten, Comedy und Theater über Lesungen, bildende Kunst und Kultur für Kinder bis hin zu gesellschaftspolitischen Formaten.
Auf der Bühne standen in den vergangenen Jahren unter anderem Thees Uhlmann, Antilopen Gang, Von Wegen Lisbeth, Heaven Shall Burn, Ikkimel, Bodo Wartke, Olli Schulz, Max Mutzke, Dota, Fatoni, Abi Wallenstein, Kettcar, Arnd Zeigler, Monchi, Götz Alsmann, Walter Trout, 102 Boyz, Gregor Meyle, Team Scheisse, Heavysaurus, Zebrahead, Feuerwehrmann Sam, die Nordwest Bigband, Laith Al-Deen, Jupiter Jones, Jeremias, Slime, Das Lumpenpack, Timon Krause, Hatebreed, Marlo Grosshardt, Napalm Death, 11 Freunde, Moritz Neumeier, Danger Dan, Muff Potter, Ignite, Sick Of It All, Enno Bunger und viele weitere — ergänzt durch eine konsequente Förderung lokaler Künstler*innen und Bands.
2024 konnte man zudem den Gewinn des APPLAUS-Award in der Kategorie „Beste kleine Spielstätte und Konzertprogramm“, verbunden mit einem Preisgeld von 10.000 € für die Programmarbeit feiern.
Heavysaurus im Zollhaus Leer
Aus der Krise in die Professionalisierung
Die Corona-Jahre 2020 und 2021 nutzte der Verein für eine umfassende Neustrukturierung. Mithilfe von Förderprogrammen wie „Neustart Kultur“, personeller Verstärkung und baulichen Maßnahmen wurde das Haus personell, organisatorisch wie auch technisch modernisiert. In den vergangenen vier Jahren sind dem Zollhausverein zudem über 350 neue Mitglieder beigetreten, um diesen und die Kultur vor Ort als „Kulturförderer“ finanziell und ideell zu unterstützen. Die Gastronomie wurde ausgelagert, firmiert seit 2021 als eigenständige Zollhaus Gastro GmbH und ist zuständig für Partys, Tagungen und private Feiern.
Mit dieser Neuaufstellung erhielt der Verein auch offiziell die Gemeinnützigkeit und konnte sich klar auf seine satzungsgemäßen Schwerpunkte konzentrieren: Kulturarbeit und Denkmalschutz. Anfang 2024 kam eine dritte Säule hinzu: die Förderung von Toleranz, internationaler Gesinnung und Völkerverständigung - ein bewusstes (kultur-)politisches Statement in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung.
Kultur als demokratischer Auftrag
Das Zollhaus versteht sich ausdrücklich als Ort für gesellschaftlichen Dialog. 2024 organisierte der Verein gemeinsam mit zahlreichen Partner*innen die „Kulturellen Themenwochen für Demokratie & Vielfalt“: Rund 50 Veranstaltungen zwischen September und November, darunter Konzerte, Workshops, Lesungen, Theaterstücke, Filmvorführungen und Stadtführungen, setzten sichtbare Zeichen gegen Ausgrenzung und für demokratische Werte.
Auch darüber hinaus ist das Haus fest in regionale Netzwerke eingebunden — etwa im Kulturnetzwerk Leer, beim Fest der Kulturen, im Bündnis für Demokratie & Vielfalt oder in Kooperationen mit Schulen, VHS, Lebenshilfe, Jugendhilfe, Museen und Musikschulen. Landesweit arbeitet der Zollhausverein unter anderem mit dem Landesverband Soziokultur, Klubnetz, der LAG Rock und der Ostfriesischen Landschaft zusammen.
Lesung mit Albrecht Weinberg
Der „Dritte Ort“ für die Stadtgemeinschaft
Neben dem Veranstaltungsbetrieb versteht sich das Zollhaus als sogenannter „Dritter Ort“ — ein Treffpunkt jenseits von Arbeit und Zuhause, an dem Gemeinschaft entsteht. Ehrenamtliche engagieren sich in vielfältigen Gruppen: vom Awareness-Team über eine nachhaltige Nähgruppe, Einlass- und Street-Teams bis hin zu handwerklichen Unterstützungsgruppen und einem Booking-Stammtisch.
Ein studentisches Projekt brachte 2023 den Leitspruch hervor, der das Selbstverständnis des Hauses auf den Punkt bringt:
„Stell dir einen Ort vor, an dem du willkommen bist und Gedanken, Ideen und Kreativität keine Grenzen kennen.“
Zukunft: Noch mehr Raum für alle
Für die kommenden Jahre setzt sich der Zollhausverein ein klares Ziel: noch stärker jene Menschen zu erreichen, die bislang seltener Teil des Kulturlebens sind. Geplant sind verstärkt inklusive, interkulturelle und altersübergreifende Angebote, Formate für die LGBTQ+-Community, für Senior*innen, Kinder und marginalisierte Gruppen. Bestehende Kontakte — etwa zur afrikanischen Diaspora Ostfriesland, zu „Queer in Leer“, zur Lebenshilfe oder zum Haus der Kulturen — sollen zu einem tragfähigen Veranstaltungsnetzwerk ausgebaut werden.
So bleibt das Zollhaus nicht nur Konzertlocation oder Veranstaltungsort, sondern entwickelt sich weiter als soziales, kulturelles und demokratisches Zentrum der Region — ein Ort, der zeigt, wie lebendig und relevant Soziokultur im ländlichen Raum sein kann.
© Marco Hanneken, Zollhaus Leer (Booking und Kulturveranstaltungen)