Vergangenheit trifft Zukunft
Stadtbibliothek Aurich empfängt neue Graphothek‑Leihgabe im KIO‑Kontext
Die Graphothek der Ostfriesischen Landschaft hat erneut ein kostbares Blatt aus ihrem Bestand an die Stadtbibliothek Aurich übergeben – überreicht von Dr. Welf‑Gerrit Otto und entgegengenommen von Dr. Edith Ulferts, Fachbereichsleiterin der Stadt Aurich, sowie Sonja Hohnholt, Leiterin der Stadtbibliothek. Die Leihgabe setzt die seit rund zwei Jahren bestehende Kooperation fort: wechselnde Originalgrafiken bereichern die Bibliothek als Ausstellungsort, und vor Ort stehen kompakte Informationen zu Werk und Künstler zur Verfügung.
Die Graphothek selbst geht auf ein landespolitisches Projekt von 1976 zurück: Nach dem Vorbild großstädtischer Graphotheken richtete das Land Niedersachsen in Ostfriesland eine dezentrale Sammlung von Originalgrafiken ein, die über Bibliotheken entliehen werden konnten. Die Ostfriesische Landschaft erhielt den Auftrag, in den Städten Aurich, Emden, Leer, Norden und Wittmund jeweils eine solche Sammlung aufzubauen; in Aurich übernahm die Stadtbücherei diese Aufgabe. Aus den Anfängen, in denen Werke aus dem Angebot großer Galerien ausgewählt wurden, ist eine heute über tausend Objekte umfassende Sammlung gewachsen – Gemälde, Druckgrafiken, Handzeichnungen und Fotografien, ergänzt durch zahlreiche Schenkungen. Die Bestände reichen von kostbaren Blättern älterer Meister wie Renoir, Utrillo, Lovis Corinth oder Hans Thoma bis zu einem Schwerpunkt auf Kunst der 1960er und 1970er Jahre: Kritischer und Phantastischer Realismus, Konstruktivismus, Pop Art und abstrakte Strömungen sind hier vertreten; etwa ein Drittel der Arbeiten stammt von Künstlerinnen und Künstlern, die in Ostfriesland wirkten.
Das aktuell verliehene Werk ist Dieter Zirkels Siebdruck „Kulturlandschaft“ aus dem Jahr 1981. Die Komposition verdichtet industrielle Relikte und apokalyptische Bildmotive zu einer Landschaft, die zwischen Zivilisation und Untergang zu schweben scheint. Entstanden in einer Phase geopolitischer Spannungen – sowjetische Intervention in Afghanistan, das Scheitern von SALT‑II und der Amtsantritt Ronald Reagans -, reflektiert das Blatt nicht nur die Angst vor atomarer Eskalation, sondern auch eine früh formulierte ökologische Sensibilität: Die Darstellung liest sich als Mahnung gegen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und als Aufforderung, kulturelle Substanz und gestaltete Umwelt als verletzliche Gemeingüter zu begreifen.
„Kulturlandschaft“, Siebdruck, 35 x 45 cm. Dieter Zirkel 1981 (Foto: Ostfriesische Landschaft)
Die Präsentation dieses Werkes in der Stadtbücherei gewinnt zusätzliche Aktualität durch die Verknüpfung mit dem laufenden KIO‑Projekt der Kulturagentur (KulTour‑Innovationen für Ostfriesland). KIO vernetzt Kultur, Tourismus und Nachhaltigkeit und sucht nach Wegen, kulturelle Praxis mit ökologischer Verantwortung zu verbinden. Zirkels „Kulturlandschaft“ lässt sich als visuelle Vorarbeit zu genau diesen Fragestellungen lesen: Das Bild stellt die Frage, wie kulturelles Erbe und natürliche Lebensräume in einer Zeit multipler Krisen geschützt und zugleich für Gegenwart und Zukunft fruchtbar gemacht werden können - ein Thema, das KIO in konkreten Projekten und Vermittlungsformaten aufgreift.
Die wiederholte Leihgabe unterstreicht die Rolle der Graphothek als Vermittlerin: Sie bringt hochwertige Originalgrafik in den öffentlichen Raum des ländlich geprägten Ostfrieslands und macht so Begegnungen mit moderner und zeitgenössischer Kunst vor Ort möglich. Für die Stadtbibliothek Aurich ist die Kooperation zugleich Erinnerung an ihre Pionierrolle: Als eine der fünf Gründungsstellen bot sie seit Ende der 1970er Jahre einen Zugang zu Originalgrafik, lange bevor die Kunsthalle Emden 1986 eröffnet wurde. Die aktuelle Präsentation lädt Besucherinnen und Besucher ein, nicht nur das einzelne Blatt zu betrachten, sondern die Verbindungen zwischen Kunst, regionaler Kulturarbeit und aktuellen Fragen der Nachhaltigkeit nachzuvollziehen.
Regionale Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft
Kunst und Kultur für eine lebenswerte Zukunft