Am 25. September 2025 erlebten die Besucherinnen und Besucher in der evangelisch-reformierten Kirche zu Rysum einen besonderen Abend. Schon der herzliche Empfang durch Pastor Frederik Koßmann in diesem eindrucksvollen Gotteshaus, dessen Ursprünge bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen und das mit seiner berühmten Orgel von 1457 zu den kunsthistorischen Schätzen Ostfrieslands zählt, verlieh der Veranstaltung einen festlichen Rahmen. Über sechzig Personen waren der Einladung gefolgt – ein eindrucksvoller Beleg für das große Interesse an der friesischen Erzähltradition.
Zu Beginn führte Dr. Welf-Gerrit Otto, Leiter der Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft, in die Thematik ein. Er stellte Märchen als kollektiven Erfahrungsschatz vor, der über Generationen hinweg weitergegeben wird und bis heute eine identitätsstiftende Funktion erfüllt. Märchen, so Otto, seien nicht nur Unterhaltung, sondern auch Spiegel gesellschaftlicher Werte und Ausdruck kultureller Vielfalt.
Im Mittelpunkt standen die beiden Erzähler. Pastor Jörg Schmid, der sich in einer zweijährigen Fortbildung der Europäischen Märchengesellschaft zum freien Märchenerzähler ausbilden ließ, zeigte eindrucksvoll, wie sehr er das Erzählen als Teil seiner Arbeit und Leidenschaft versteht. Seine Vorträge waren eindringlich, klar strukturiert und nahmen das Publikum unmittelbar mit. Man spürte, dass er nicht nur Märchen wiedergibt, sondern sie als lebendige Geschichten begreift, die im Dialog mit den Zuhörenden Gestalt annehmen.
Ein besonderer Höhepunkt war der Auftritt von Sabine Lutkat, ehemalige Präsidentin der Europäischen Märchengesellschaft. Mit über zwanzig Jahren Erfahrung in der Erwachsenenbildung und als freiberufliche Erzählerin verfügt sie über ein breites Repertoire und eine unverwechselbare Vortragsweise. Ihre Stimme füllte den Kirchenraum und verlieh den Märchen eine besondere Intensität. Neben klassischen friesischen Märchen brachte sie auch Sagengestalten wie den Klabautermann oder die Unterirdischen ins Spiel. Dadurch wurde die Vielfalt des friesischen Erzählguts sichtbar, das nicht nur von Märchen, sondern auch von Sagen und Legenden geprägt ist. Lutkat verstand es, die Zuhörenden zu verzaubern und zugleich die kulturellen Wurzeln dieser Geschichten lebendig werden zu lassen.
Der Abend machte deutlich, dass Märchen weit mehr sind als alte Geschichten. Sie sind Ausdruck einer lebendigen Tradition, die Menschen verbindet, Werte vermittelt und Horizonte öffnet. Die positive Resonanz der Gäste zeigte, dass das Erzählen von Märchen auch heute noch eine wichtige Rolle in der Gemeinschaft spielt und Menschen aller Altersgruppen anspricht.
Ein Blick auf die friesische Märchentradition verdeutlicht, wie eng diese Geschichten mit der Geschichte und Kultur der Region verbunden sind. Über Jahrhunderte hinweg prägten Meer, Moor und Küstenlandschaft das Leben der Menschen. Märchen und Sagen spiegeln diese naturräumlichen Bedingungen wider: Wassergeister, Elfen oder geheimnisvolle Unterirdische sind Ausdruck der engen Beziehung zwischen Mensch und Natur. Gleichzeitig vermitteln die Geschichten moralische Lehren, etwa über Gemeinschaftssinn, Respekt vor der Natur oder den Wert von Traditionen.
Die friesische Märchentradition ist Teil einer größeren europäischen Erzählkultur, weist aber zugleich Besonderheiten auf. Die mündliche Überlieferung, oft in niederdeutscher Sprache, hat die Märchen lebendig gehalten und ihnen erlaubt, sich im Laufe der Zeit zu verändern. So sind sie nicht nur kulturelles Erbe, sondern auch Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen.
Die Veranstaltung in Rysum war eine Kooperation zwischen der Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft, der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Rysum und der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Aurich. Sie wird in diesem Jahr noch an zwei weiteren Orten fortgesetzt:
- Aurich: Donnerstag, 6. November 2025, 18:00–20:00 Uhr, Forum der Ostfriesischen Landschaft
- Weener: Donnerstag, 13. November 2025, 18:00–20:00 Uhr, Organeum Weener
Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.
Fazit: Der Abend in Rysum hat eindrucksvoll gezeigt, dass Märchen nicht nur ein Teil der Vergangenheit sind, sondern auch heute noch Menschen bewegen, inspirieren und verbinden.