Unter Ostfrieslands Himmel
Kunstausstellung "Unter einem Himmel. KlimaKunst im Dialog". Ein KIO-Projekt
Wer sich schon einmal an einer zielorientierten und fundierten Kommunikation über die Fragen des Klimawandels versucht hat, der weiß, wie schwierig sich dieses Unterfangen bisweilen darstellt. Liegt es an Vorurteilen, an zu viel Halbwissen? Oder am Mangel an einer geeigneteren, zugänglicheren Form der Klimakommunikation? Diese und ähnliche Fragen stellte sich die kleine Künstlergruppe, die sich Ende 2025 zusammenfand, um an einem Kunstprojekt im Rahmen des KIO-Projektes, KulTour-Innovationen für Ostfriesland, der Ostfriesischen Landschaft teilzunehmen. Voraussetzung war der erfolgreiche Antrag des jungen KultHuus-Vereins in Wittmund. Dieser Verein hat sich im Wesentlichen auf die Fahne geschrieben, als Netzwerk der Wittmunder Vereine zu wirken und auch über die Wittmunder Stadtgrenzen hinaus Kontakte zu knüpfen und Kooperationen zu suchen.
Das KIO-Projekt bot sich an, diese selbst gestellte Aufgabe mittels eines konkreten Projektes in Angriff zu nehmen. Walter Ruß, Gründungsvorsitzender des KultHuus und heute Leiter des Projektes, erklärt dies so: „Die Klimadebatte ist eine der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Probleme unserer Gegenwart. Sich dieser Debatte zu stellen und nach Wegen der wirksamen Kommunikation zu suchen, steht einem in die lokale Gesellschaft hineinwirkenden Verein gut zu Gesicht.“ Herausgekommen ist eine Ausstellung der Künstlergruppe, die sich ausdrücklich der Frage widmet, mit welchen künstlerischen Ausdrucksmitteln es gelingen kann, die Problematik steigender Meeresspiegel, zunehmender Wetterveränderungen und ihrer Auswirkungen auf (Land)Wirtschaft und Gesellschaft aufzubringen.
Helma Ruß-Bittner stellt klar: „Wir wollen als Gruppe nicht agitieren, sondern mit künstlerischen Mitteln sensibilisieren. Menschen, die für dieses zentrale Thema der Gegenwart sensibilisiert wurden, sind empfänglicher für eine sich anschließende Diskussion über die notwendigen Schritte zum Erhalt unserer Umwelt.“ Gemeinsam mit Ida Oelke und Ingrid Freihold aus Esens, Helmut Müller aus Emden, Björn Schoon aus Wittmund sowie den Fotofreunden Wittmund ist Helma Ruß-Bittner mit einer Auswahl aus ihrem künstlerischen Schaffen vertreten. Insgesamt etwa 40 Werke hat die Gruppe in den hellen Ausstellungsräumen im Museum Leben am Meer in Esens wirkungsvoll zusammengestellt. Während Helma Ruß-Bittner ihre eindringlichen, klassisch-modernen Seestücke ausstellt, tritt Björn Schoon mit seinen der Natur nachempfundenen Keramikarbeiten hervor. Im Kontrast zu Ruß-Bittners durchaus harmonisch und noch nicht bedroht erscheinenden Szenen wie dem trocken gefallenen Segelboot oder der dramatischen Tsunami-Welle, wirkt Schoons Kunst völlig gegensätzlich. Beeindruckt vom Thema der sterbenden Korallenriffe auf der anderen Seite der Erdkugel, etwa in Australien, hat er lebensgroß Korallen nachgeformt, die in ihrer todesblassen Helligkeit eine mahnende Wirkung vor dem Absterben der gewaltigen Riffe in den warmen Meeren der Welt ausstrahlen. Eine notdürftig genähte riesige Auster symbolisiert die drohende Zerstörung des biologischen Gleichgewichts auch in unserem Teil der Weltmeere, der Nordsee.
Ida Oelke, seit langem bekannt für ihre feinen Holzschnittarbeiten, setzt sich mit den verschiedenen konkreten Aspekten des Klimawandels auseinander. Indem sie den Blick auf Küstenlandschaften, Menschen und Tiere verfremdet und stilisiert, schärft sie diesen Blick und lenkt das Augenmerk auf das, was im klassischen Sinne „schön“ ist, aber auch auf das, was im konkreten Sinne gefährdet und ausgesetzt erscheint. In einer Ecke des Ausstellungsraums geht sie über die Grenzen des Holzschnitts hinaus und präsentiert eine Assemblage von Originalfundsachen von ihren Strandspaziergängen am Watt oder auf den Inseln. Was zunächst unauffällig daherkommt, entfaltet rasch seine warnende Wirkung.
Ihre Freundin und Kollegin Ingrid Freihold hat sich in ihrer ganz eigenen Weise dem Thema gewidmet. Sie ist eine Meisterin der Kalligrafie und spart auch in dieser Ausstellung nicht mit Anspielungen auf japanische Haikus und deren kalligrafische Gestaltung. Mit kräftigem, dynamischem Pinselschwung ahmt sie die Kraft der Natur nach und erzeugt so eine ganz besondere ästhetisierende Wirkung der Motive und Themen. Was zunächst als exotische Anleihe an fernöstliche Weisheiten wirkt, stellt sich als sehr wirkmächtige Allegorie auf norddeutsche Verhältnisse heraus.
Aus Emden stammt der Künstler Helmut Müller, der mit einer Reihe seiner expressiven Bilder vertreten ist. Besondere Beachtung jedoch verdient seine Verwendung der natürlichen Stoffe Sand und Schlick, mit denen er dem Betrachter einen Blick in die Untergründe des Meeres ermöglicht, Dinge sichtbar macht, die unserem Blick sonst verborgen bleiben. In seinen großen Bildern bringt er es zu einer außerordentlichen Expressivität des Ausdrucks, die Kennern seiner Kunst wohl vertraut ist, in diesem thematischen Kontext jedoch eine ganz eigene Dynamik und Eindringlichkeit ausstrahlen.
Mit einer Art meditativer Schalldusche in Verbindung mit einer zwölfminütigen Fotoexkursion durch Ostfriesland beteiligen sich die Fotofreunde Wittmund am Ausstellungskonzept. Gemeinsam mit Ideengeber Walter Ruß machen sie deutlich, was mit dem Ausstellungstitel „Unter einem Himmel“ tatsächlich gemeint ist. Hier wird die Gleichzeitigkeit allen Klimageschehens und des Wetters in ganz Ostfriesland demonstriert. Es gibt keine unberührten Fluchtorte mehr, keine Insel der Seligen: „Alles geschieht unter einem Himmel, alles geschieht in einem Moment“ lautet das Mantra, das die Künstler in der Endlosschleife wiederholen.
Sehr zur Freude der Macher und Macherinnen findet die Ausstellung großen Anklang bei den Besucherinnen und Besuchern. Anke Kuczinski, die Leiterin des Museums, zeigt sich mit der Besucherresonanz sehr zufrieden und stellt fest: „Für uns im Museum ist die Grundidee von KIO, Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit im Kulturbereich nach vorne zu bringen, keine neue Idee. Wir leben das seit langem und freuen uns deshalb besonders, dass das KultHuus Wittmund uns gebeten hat, die erste Station auf dem dreiteiligen Wanderweg durch den Landkreis Wittmund zu sein.“ Tatsächlich läuft diese Ausstellung noch bis zum 26. April (Mo-Do 10 – 17, Fr 10-13 Uhr). Danach wandert sie weiter zum Naturschutzhof Wittmund, wo sie am 10. Mai eröffnet werden wird. Dritte und letzte Station wird der Gulfhof Friedrichsgroden in Carolinensiel sein. Dort wird sie am 17. Oktober eröffnet.
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